Wie die Hochschulen aus der Finanzklemme kommen könnten

Von Michael Schwelien

Wenn in allen Haushalten gejätet wird, können auch die Hochschulen nicht ungerupft bleiben. Sie sind keine Freiräume, in denen alles wild wuchern kann, während alle anderen Bereiche beschnitten werden. Doch man kann, um im Bild zu bleiben, einen Wald auch mit vielen kleinen Eingriffen so verändern, daß er am Ende völlig zerstört ist. Ähnlich verhält es sich mit den Sparplänen für die Hochschulen. Bundes- und Länderregierungen streichen hier und kürzen dort und gefährden dabei den ganzen Wissenschaftsbetrieb.

Die unüberlegten und wenig sinnvollen Eingriffe dieser Tage sind aber nur deshalb notwendig geworden, weil sich niemand traut, beherzt an beiden Punkten zu rühren, die die Wissenschafts-Etats am stärksten belasten.

Die beiden Schnitte, mit denen Probleme der Hochschulen zu lösen wären, verlangen nämlich Mut von den Politikern und mehr Arbeit von den Studenten und Professoren: Eine Kürzung der Ausgaben für das Bafög und eine effektivere Nutzung der Universitäten.

Der Kleinmut, mit dem gegenwärtig gespart wird, dient dem Zweck, große Erregungen nicht aufkommen zu lassen. Er hat jedoch entscheidende Nachteile: Die Studenten können nicht mehr ordentlich studieren, die Hochschullehrer nicht mehr ordentlich forschen und lehren. Dafür gibt es vielerlei Beispiele:

  • Eigentlich wollte die Universität Essen die Schriftstellerin Luise Rinser für das kommende Wintersemester zum Poet in residence berufen. Die Autorin des Buches „Den Wolf umarmen“ lebt aber in der Nähe von Rom und hätte einmal wöchentlich von Italien in die Bundesrepublik fliegen müssen. Das schien der Universitätsleitung dann doch zu teuer; Luise Rinser wird also die literarische Diskussion in Essen nicht bereichern.
  • Nicht immer gehen den Hochschulen solche Perlen verloren. Oft sind es nur Holzköpfe. Oder Griffel. So dürfen die Sekretärinnen an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität im kommenden Halbjahr kein Büromaterial mehr bestellen. Gleichgültig, ob die Farbbänder ihrer Schreibmaschinen abgeschrieben, die Matrizen für die Seminarpapiere ausgegangen und die Heftmaschinen leer geworden sind – es gibt einfach keinen Nachschub. Dabei werden sich die Frankfurter Studenten gerade jetzt besonders oft vervielfältigte Texte wünschen: Die Bibliothekare der Fachbereiche dürfen nämlich im Wintersemester keine Bücher mehr bestellen.
  • 20 bis 30 Millionen Mark werden den beiden Berliner Universitäten im kommenden Jahr fehlen. Der Lehrbetrieb sei gefährdet, erklärten die Präsidenten Eberhard Lämmert (Freie Universität) und Jürgen Starnick (Technische Universität) vergangene Woche. Sie können frei werdende Stellen nicht neu besetzen, in den Fachbereichen müssen Seminare und Vorlesungen zusammengestrichen werden.
  • In Karlsruhe werden die Studenten, wenn sie aus den Semesterferien zurückkehren, die Zeitschriftenregale in der Bibliothek leer finden: Die Hochschule hat die Periodika, abbestellt.