Stuttgart: „Natur-Skulptur“

„Natur“ – der Kernbegriff, die Parole der aktuellen Gefühls- und Bewußtseinslage: Es hat gar nicht ausbleiben, können, daß eines Tages auch Kunst und Künstler auf ihre „Naturhaftigkeit“ hin abgefragt werden würden. Im Stuttgarter Kunstverein ist man ohnehin besonders aufmerksam auf Stichworte aus der Zeitdiskussion. Denn das Bekannte wird bekanntlich ganz unbekannt, wenn man es in entlehnte Kategorien zwängt – also wirken auch ästhetische Gegenstände aus dem Magazin frisch und jäh, kaum daß sie neu beschriftet sind. Jedenfalls ergab sich so noch immer eine Ausstellung von unanzweifelbarer Dringlichkeit. In einer ausführlichen, dreiphasigen Dokumentation ist in Stuttgart erst unlängst das Verhältnis „Kunst-Natur“ in seinen geschichtlichen Zusammenhängen abgezogen worden; Was der verdienstvollen Übersieht jetzt nachfolgt, nennt sich „Natur-Skulptur“ und ist nurmehr der Blick auf einen ausgewählten Aspekt des großen Natur-Themas. Gezeigt werden soll, wie Künstler – vorzugsweise in den siebziger Jahren – in der Natur und mit der Natur gearbeitet haben. Wobei mit „Natur“ einmal in einem einfachen Sinn „Landschaft“ gemeint ist, dann aber auch jenes Reservoir an „Natur-Gegebenheiten“, aus dem die Kunst noch immer ihren Vorrat an mythischen Zeichen aufgefüllt hat: Himmelsrichtungen, Sonnenstand, Jahreszeichen oder Naturformen wie das Nest oder die Schneckenspirale. Die Palette reicht so von den Pflanzarbeiten des Gary Rieveschl, dessen Blumenrabatten alljährlich in immer mehr europäischen Grünanlagen aufblühen, über die Erdspiralen des Robert Smithson, die dunkelsinnigen Steinkreise von Richard Long oder Alice Aycocks geheimnisvolle Architekturen bis hin zu Christos kolossalen Land-Schaftseingriffen, in denen sich das künstlerische Projektallemal aufbaut zum gigantischen, expeditionsartigen Unternehmen. Daß sich Künstler zuweilen auch in den Mähdrescher setzen und ihre Zeichnungen und Zeichen in die Felder pflügen, ist nun freilich nicht mehr so überraschend neu. Deshalb kann auch die Stuttgarter Ausstellung nicht gerade aufregende Belege bieten, zumal zahlreiche Beispiele der „Land-art“ immer nur als Photodokumente präsentabel sind. Die Ausstellung macht einen eher fleißigen, aber sinnlich unterkühlten Eindruck, und so recht klar will nicht werden, welche bedeutsamen Verständnishilfen das vorgeschlagene Natur-Ordnungsmuster erreichen soll. „Natur-Skulptur“ ist jedenfalls nicht erst zu entdecken, seitdem das Emblem dieser Jahre, seitdem „Natur“ wieder billig gehandelt wird. (Württembergischer Kunstverein bis 1. November, Katalog 25 Mark) Hans-Joachim Müller

Wichtige Ausstellungen

Berlins „Preußen – Versuch einer Bilanz“ (Martin Gropius-Bau bis 15. 11., Katalog-Kassette, 5bändig, 45 Mark)

Berlin: „Le musée sentimental de Prasse“ (Berlin-Museum bis 15. 11., Katalog 35 Mark)

Berlin: „Berlin zwischen 1789 und 1848“ (Akademie der Künste bis 1. 11., Katalog 30 Mark)

Bruchsal: „Barock in Baden-Württemberg“ (Schloß Bruchsal bis 25. 10., Katalog, 2bändig, 48 Mark)