Der französische Thomson-Brandt-Konzern schießt Breitseiten gegen Paris und Philips

Vielleicht hat sich Jacques Fayard am vergangenen Freitag um Kopf und Kragen geredet. Der Chef für Unterhaltungselektronik beim französischen Marktführer Thomson-Brandt, dem in Deutschland Nordmende und Saba gehört, machte nämlich so offen wie nie zuvor Front gegen die neue Regierung des François Mitterrand, der Thomson verstaatlichen will: Zumindest einem Mitterrand-Minister warf Fayard indirekt "Dummheit" vor. Daß Fayard zugleich auch den Managern des niederländischen Philips-Konzerns, dem Branchengrößten in Europa, kräftig vors Schienbein trat, macht die Sache noch pikanter.

Fayards Rundumschlag ist der wohl letzte Versuch, ein für Thomson lebenswichtiges Projekt zu retten, das seit einem halben Jahr fix und fertig auf dem Tisch liegt, aber von Paris immer noch nicht genehmigt ist: Vorbehaltlich des notwendigen französischen Regierungsplacets vereinbarten Thomson, die AEG-Tochter Telefunken, die britische Thorn-EMI und der japanische HiFi- und Videogeräte-Produzent JVC Mitte April eine großangelegte Kooperation, welche die Branchenlandschaft verändern könnte.

Jeder der vier Partner will sich nämlich mit 25 Prozent an drei Werken beteiligen, die mit JVC-Know-how und Teilezulieferungen aus Japan für den schnell wachsenden Videomarkt in Europa produzieren sollen: Videorecorder in Berlin, Bildplattenspieler im englischen Newhaven und elektronische Kameras im französischen Moulins. Thomson will außerdem – ebenfalls innerhalb dieses Pools – HiFi-Geräte herstellen.

Die Grundidee des Viererbundes: getrennt verkaufen, gemeinsam produzieren. Der Vorteil: Da jedes Gerät nur in einem Werk gebaut wird, ergeben sich hohe und damit kostengünstige Stückzahlen. Für Berlin beispielsweise sind pro Jahr 400 000 Videorecorder angepeilt. Die Bosse von Telefunken, Thorn und Thomson jedenfalls sind sich einig, daß ihre Firmen nur so auch in Zukunft als Hersteller überleben können und nicht – wie derzeit bei Videorecordern – zu reinen Händlern von Ware "Made in Japan" herabsinken. JVC andererseits hat den Vorteil, dadurch sein in der Welt führendes Videosystem VHS noch besser in Europa verankern zu können und gleichzeitig drei potente Partner für das JVC-Bildplattensystem – gegen Philips’ Laser-Modell und RCA’s Rillen-System – gewonnen zu haben.

Dem Branchenführer Philips ist diese drohende Konkurrenz begreiflicherweise gar nicht recht. Fayard: "Philips hat fürchterliche Angst vor einer solchen starken Euro-Gruppe." Die Niederländer fanden bei der neuen französischen Regierung ein offenes Ohr für ihre Sorgen. Denn mehr als nur ein Mitglied der sozialistisch-kommunistischen Ministerriege unter Mitterrand ist prinzipiell gegen internationale Industrie-Kooperationen eingestellt, besonders aber, wenn – wie in diesem Fall – Japaner mitmischen und dabei zunächst im Ausland, nämlich in Berlin, Arbeitsplätze geschaffen werden. Fayard kontert bitter: "Es ist besser, europäisch zu sein, als gar nicht zu sein."

Die französische Regierung, die über die Verstaatlichung ohnehin bald direkten Einfluß auf Thomson nehmen kann, drängt dennoch auf neue Fabriken im eigenen Lande. Philips nutzte diese Stimmung geschickt aus und bot flugs eine Produktionsstätte mit 600 Arbeitsplätzen an. Dort sollen erstmals in Frankreich Videorecorder, natürlich nach dem Philips-System Video 2000, gebaut werden und so zur Freude der Regierung in Paris die 100-Prozent-Importquote reduziert werden. Thomson auf diese Weise aus dem VHS-Lager herauszulösen und die Absatzkanäle der Franzosen einschließlich der deutschen Töchter Saba und Nordmende für das Philips-System zu gewinnen, ist sicher der wichtigste Punkt in der Kalkulation der Niederländer, die dabei auf Hilfe der Regierung bauen.