/ Von Manfred Sack

Kaum war der niederländische Polder Ost-Flevoland am Ijsselmeer trockengelegt und bewohnt, da fanden die Politiker, nun müßten auch die Künste angesiedelt werden. Sie dachten selbstverständlich an ein richtiges Theater, das in Dronten, dem größten der vier neuen Dörfer, seinen Prunk entfalten sollte. Frank van Klingeren, ihr Architekt, überzeugte sie hingegen von ganz etwas anderem: Er baute ihnen eine große Halle für alle und für ziemlich alles, für den Wochenmarkt und das Theater, für Musik und Kinderspiel, für Versammlungen und Vergnügungen jeglicher Art, für den Kaffeeschwatz und das große Essen. Es war das erste jener Gebäude, für die man die reizende Bezeichnung "multifunktionales Zentrum" fand, auf deutsch auch Mehrzweckhalle genannt.

Zwar hatte der Bau in Dronten die Neugier vieler Kommunalpolitiker geweckt, die zum Teil schon beflügelt waren von der Ahnung, daß sich mit Kultur bald mehr Lorbeer würde ernten lassen als mit Schnellstraßen und einem Rest von Sozialem Wohnungsbau – aber so konsequent wie die Holländer war keiner. So sind auch die beiden Gebäude, die sich die Bischofsstadt Paderborn und die alte Kleinstadt Rheinberg im Niederrheinischen gebaut und soeben eröffnet haben, sogenannte Stadthallen: Die eine heißt "Pader-Halle", die andere "Stadthaus". Es sind bemerkenswert schmucke Gebäude, in denen die Architekten mit großem Aplomb den alten hilfreichen Widerspruch aufgelöst haben, nämlich so sparsam und zugleich so nützlich wie schön zu bauen. Es ist ihnen auf originelle Weise gelungen. Den beiden Städten wird es nicht schwerfallen, sich ihrer zu rühmen.

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Natürlich liegt es am Temperament der beiden Architekten-Sozietäten Hämer und Böhm, aber wohl auch an der Stimmung der Gegenwart in derlei Dingen: daß sie ausdrücklich transparente Häuser entwarfen. In beiden Sälen kommt am Tage das Licht vom Himmel und nur nebenbei aus Lampen: in Paderborn durch Foyers und Theatersaal, durch Rathausbüros und den Saal in Rheinberg. Diese wörtliche und metaphorische Durchsichtigkeit, die auch an vielen Details ablesbare Kontinuität von Innen und Außen, ist ein ästhetisches Vergnügen, aber auch ein politischer Effekt.

Beide Architekten haben pomphafte Materialien vermieden. In Paderborn ist der Betonkorpus mit schön gebrannten Klinkern und das Dach mit gefalzten Bleiplatten verkleidet, man findet Holz und Glas und (Spezial-)Spanplatten; das Rheinberger Stadthaus ist aus Betonfertigteilen und aus Stahl zusammengefügt, man geht auf italienischen Platten, die wie rötlich getönter Sandstein aussehen; Glas wurde wirkungsvoll verwendet, und auch auf diesem Dach liegt Blei.

Beide Häuser verlangten außergewöhnliche Konstruktionen: der Paderborner Bau deswegen, weil es im Baugrund von unberechenbaren Paderquellen wimmelt, das Haus in Rheinberg, weil es auf Bergbau-Senkungsgebiet steht und sich in seinen Teilen bewegen können muß (so gibt es dort zehn Zentimeter breite Fugen). Nur in ihrem Charakter unterscheiden sie sich deutlich: In Paderborn ist ein Theater- und Konzerthaus entstanden, das auch für Versammlungen, Tanz und andere Amüsements taugt, in Rheinberg entstand ein großer ebener Saal mit einer kleinen Bühne, der rings vom Rathaus umgeben ist.