Von Horst Bieber

Zwei Jahre und zwei Monate nach ihrem Einmarsch in Managua haben die Sandinisten die Notbremse gezogen. Das Mitte voriger Woche verkündete "Gesetz über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notstand" ist der verzweifelte Versuch, Nicaragua aus der "lähmenden Ohnmacht" zu erwecken (so Junta-Mitglied Sergio Ramirez) und den finanziellen Kollaps zu vermeiden. Die Revolution hat, hinter einem Wulst großer Worte, den letzten Anlauf genommen, die alte Aktionsbasis zwischen Bürgertum auf der einen, Bauern und Arbeitern auf der anderen Seite wiederherzustellen.

Wer künftig streikt, Land besetzt und Verkehr oder Produktion sabotiert, soll ebenso bestraft werden. wie der Unternehmer, der seinen Betrieb "dekapitalisiert", Steuern hinterzieht, Devisen schmuggelt oder durch "Falschmeldungen" die Beschaffung von Krediten verhindert. Der Staat übernimmt weitere Teile des Imports und Exports; er kürzt seine Ausgaben um fünf und alle Subventionen um zehn Prozent. Der Einfuhrzoll für "nicht lebenswichtige Güter" soll um 30 auf 100 Prozent heraufgesetzt werden. Die Revolutionäre, pragmatisch in der Tat und emphatisch im Wort, wollen die Lasten der Misere gleichmäßig verteilen, wohl wissend, daß die Wirtschaftsentwicklung das Schicksal der Sandinisten entscheiden wird.

Der Erfolg scheint zweifelhaft. Seit der Vertreibung des Diktators Somoza hat sich die ursprüngliche Einheitsfront langsam, aber unaufhaltsam gespalten. Die "burgesas", wie Unternehmer und Bürgerliche in verächtlicher Kürze genannt werden, werfen den Revolutionären Vor, die demokratisch-liberalen Ziele verraten zu haben. Die Sandinisten behaupten, für einen "Somozismus ohne Somoza", für einen ausbeuterischen Kapitalismus mit dekorativen Wahlen hätten sie nicht gekämpft. Mit immer schrilleren Tönen hält man sich Fehler und Verrat vor.

Unabhängig davon, ob ein "gemischtes System" aus Privat- und Staatswirtschaft überhaupt funktionieren kann: Es fehlt heute in Nicaragua an der Bereitschaft, miteinander zu reden; Mißtrauen und Ungeduld in beiden Lagern steigen, da die wirtschaftliche Talfahrt weitergeht und am nordamerikanischen Horizont außenpolitische Gewitterwolken aufsteigen. Bei 27 Prozent Inflation, 20 Prozent Arbeitslosen und einer Auslandsschuld von 2,6 Milliarden Dollar – fast das Doppelte des jährlichen Brutto-Inlandsproduktes – rückt der Moment des Offenbarungseides näher. Selbst verstärkte Auslandshilfe (rund 1,2 Milliarden Dollar seit der Revolution) kann ihn nur noch hinauszögern, wenn sich die Kontrahenten nicht bald einigen.

"Investieren?" fragt ein kleiner Unternehmer spöttisch. Seine Fabrik für Messer und Klingen hat im Bürgerkrieg schwer gelitten; einige Maschinen konnte er im Ausland kaufen und auf abenteuerlichen Wegen nach Nicaragua holen; auf die offizielle Devisenzuteilung wartet er noch immer: "Ich investiere mitmeinem letzten Geld, und dann werde ich enteignet."

Der Verwalter eines verstaatlichten Sägewerks bettelt in Managua um die Erlaubnis, zwei wichtige Ersatzteile in den Vereinigten Staaten bestellen zu dürfen; er wird monatelang vertröstet; solange steht das Werk still. – Der Besitzer einer Baumwollpflanzung schimpft über die hohen Pflückerlöhne: "Wenn die Kerl" drei Tage gearbeitet haben, reicht ’s ihnen für den Rest der Woche." – Schulkinder leisten unentgeltliche, "freiwillige" Sonntagsarbeit, gutwillig, aber unerfahren: Die Pflanzen leiden. Seitdem der revolutionäre Elan verflogen ist, regieren Eigennutz, Gleichgültigkeit oder jener Eifer, der, gepaart mit Unkenntnis, mehr Schaden als Nutzen stiftet.