In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ist „Guernica“, das gewiß nicht wichtigste, aber bestimmt berühmteste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts, nach Spanien gebracht worden. Die Vorsichtsmaßnahmen galten nicht nur dem auf 40 Millionen Dollar geschätzten Wertgegenstand, sondern auch der Arbeit des Kommunistenfreundes Picasso, den durchaus nicht alle seine Landsleute lieben.

Mit „Guernica“, so war in spanischen Zeitungen zu lesen, kehre jetzt der letzte Exilant des Bürgerkrieges zurück. Picasso hatte das schwarzweiß-graue Monumentalgemälde 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der baskischen Kleinstadt Guernica für die Pariser Weltausstellung gemalt. Die Überführung des im New Yorker „Museum of Modern Art“ aufbewahrten Bildes nach Spanien hatte er von der Wiederherstellung der Demokratie in seinem Heimatland abhängig gemacht.

Hat Spanien, das am 25. Oktober Picassos 100. Geburtstag mit und vor diesem Gemälde feiern will, jetzt durch den Künstler das Gütesiegel der Demokratie erhalten? Ist „Guernica“ ein Beweis für die Macht der Kunst? In seiner neuen, alten Heimat, im Nebenflügel des Madrider Prado-Museums, wird das Bild durch kugelsicheres Panzerglas geschützt, werden die Betrachter per elektronischer Schleuse und Monitor überprüft und beobachtet – was in New York nicht notwendig schien.

Die Rückkehr von „Guernica“ ist im Sinne Picassos und eine gute Sache. Aber sie beweist nicht die Macht der Kunst, sondern deren Ohnmacht: Kunstwerke können benutzt, mißbraucht, zerstört, das heißt: in ihrer eigenen Existenz verachtet werden. P. K.