Am 7. August 1957 brach im Gebärde 771 der Atomwaffen-Fabrik Rocky Rats in der Nähe von Denver im amerikanischen Bundesstaat Colorado Feuer aus.

Dicke Rauchwolken quollen nach Südosten, in Richtung der Großstadt Denver. Ihre Schwärze verdankten diese Schwaden dem mitgeführten radioaktiven Metall, das erst mit Atombombenund Kernenergie in unsere Umwelt gekommen ist, dem Plutonium. Jetzt rieselte das gefährliche künstliche Element auf den von 154 000 Menschen bewohnten, teils ländlichen, teils vorstädtischen Landstrich nieder, den eine soeben erschienene Studie mit „Area 1“ bezeichnet.

Wieviel des strahlenden Elements mit dem schwarzen Qualm in den ersten Tagen nach der Feuersbrunst über die Waldungen, Häuser undGärten gepustet, wieviel der im Feuer zu Plutoniumoxid verbrannten 14 bis 25 Kilo des giftigen Metalls noch zusätzlich in die Umgebung der Fabrik getragen worden, waren, läßt sich nur abschätzen. Denn erst am achten Tag nach dem Unglück konnten die Meßgeräte wieder an den Schornsteinen angebracht werden – sie zeigten das 16 000fache der zulässigen Plutoniumkonzentration im Rauch an.

Zwölf Jahre später brach abermals Feuer in Rocky Fiats aus, und wieder stieg die Plutonium-Belastung in der Umgebung an, wenngleich nicht mehr in so katastrophalem Maße wie beim erstenmal. Doch auch bei normalem Betrieb der nuklearen Waffenschmiede entweichen ihren Schloten Plutonium und andere radioaktive Substanzen, zwanzigmal mehr als offiziell für vertretbar gehalten werden.

All dies hatte den Leiter der örtlichen Gesundheitsbehörde veranlaßt, eine Untersuchung in Auftrag zu geben, deren Resultat jetzt in der von der schwedischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Zeitschrift Ambio veröffentlicht wird. Die von der amerikanischen National Cander Society unterstützte Studie hat die Krebshäufigkeit in diesem und in nach allerlei Gesichtspunkten vergleichbaren anderen Gebieten während der Jahre 1969 bis 1971 ermittelt.

In der Umgebung des Atombombenwerks Rocky Fiats, das hat die Untersuchung ergeben, ist die Belastung eindeutig höher. In der am meisten betroffenen „Area 1“, dem (in der seltensten Windrichtung) drei bis (in der häufigsten Windrichtung) 23 Kilometer von der Fabrik entfernten Gebiet mit 154 000 Einwohnern, sind statt der erwarteten 5,6 Prozent insgesamt 8,3 Prozent an Krebs gestorben. Mehr noch: Bei den Krebsarten, die in Hiroshima und Nagasaki auffällig zugenommen hatten und seither als solche gelten, die besonders strahlengefährdete Organe befallen, betrug hier die Zunahme der Todesfälle. 12,2 Prozent.

Wie schlimm künstlich hervorgerufene radioaktive. Strahlung wirklich ist, danach fahndet die Forschung seitdem Wilhelm Konrad Röntgen die Hand seiner Frau durchleuchtet hat. Bislang freilich darüber nicht mehr herausgekommen als daß irgendwo oberhalb der Strahlunsdosis, mit der unsdie Natur versieht, eine Grenze liegt; deren Überschreitung den vermeidbaren vorzeitigen Tod einer Anzahl von Menschen zur Folge hat. Studien wie die aus Colorado helfen so unerfreulich auch ihr Anlaß ist – der Wissenschaft, diese Grenze auszumachen. –ow