Von Michael Jungblut

Senator Roth, einer der eifrigsten Vorkämpfer für Ronald Reagans neue Wirtschaftspolitik, wußte Rat: „Wenn Sie noch mehr wissen wollen über die Grundlagen und Ziele der angebotsorientierten Politik des Präsidenten, müssen Sie George Gilder lesen.“ Der Rat ist einfach zu befolgen. Reagans Rezeptbuch ist keine vertrauliche Regierungsvorlage, sondern für jedermann zugänglich. Es liegt stapelweise in allen größeren Buchhandlungen der USA. 125 000 Exemplare der neuen Heilslehre wurden dort bisher verkauft.

In Crown’s Bücher-Supermarkt in Washington wird „Wealth and Poverty“ zum Discountpreis von 11,02 Dollar feilgeboten. Die deutsche Ausgabe von „Reichtum und Armut“ wird in diesen Tagen bei den Buchhändlern eintreffen. Hier müssen Interessenten allerdings 38 Mark für das fast identisch ausgestattete Werk hinlegen, wenn sie in die Gedankenwelt der amerikanischen Angebotsökonomen eindringen möchten, die uns allen ein neues Wirtschaftswunder versprechen sofern nur der rechte Glaube da ist.

Doch der kann nach Meinung George Gilders so lange nicht entstehen, wie der Kapitalismus als eine Wirtschaftsordnung ohne Moral verunglimpft wird, die sich nur auf Habgier gründet. Gilder hält dies für grundfalsch und formuliert als goldene Regel der Wirtschaft und Schlüssel zu Frieden und Wohlstand, daß „das Glück der anderen am Ende auch einem selbst nützt“.

Doch dieser Glaube findet zum Kummer des Autors „nur schwer Zugang, zum menschlichen Herzen“. Und in die Köpfe will nicht hinein, daß nicht die Verteilung, sondern die Schaffung von Wohlstand die erste und wichtigste Aufgabe ist. Deshalb hält er es auch für einen fundamentalen Irrtum, Armut durch Hilfsprogramme für die Armen zu bekämpfen. Unterstützung durch die öffentliche Hand mache die meisten der Menschen, die davon abhängig werden, zu Krüppeln. Die Aufblähung der Wohlfahrtszahlungen an die Schwarzen hat deshalb für diese nach Gilders Meinung schlimmere Folgen gehabt als die Sklaverei.

Wer das liest, braucht nicht mehr zu fragen, warum Ronald Reagan bei seinen drastischen Ausgabenkürzungen vor allem im Sozialetat mit dem Rotstift wütete. Er handelte da voll in Obereinstimmung mit der These Gilders, daß nicht die Armut gemildert, sondern der Reichtum gefördert werden müsse, wenn sozialem Elend der Garaus gemacht werden soll.

Auch die Begründung dafür, daß nur massive Steuersenkungen und Abbau der Bürokratie zahlreiche wirtschaftliche Fehlentwicklungen der letzten Jahre korrigieren können, findet sich in „Reichtum und Armut“. Bei dem Versuch, ihr Realeinkommen im Wettlauf mit der Inflation, zu erhalten, sind laut Gilder immer mehr Amerikaner gescheitert, weil „Erfolge stets durch höhere Steuern und andere Belastungen zunichte gemacht werden“. Viele erlahmen, andere wandern in die „Untergrundwirtschaft“ ab und versuchen, einen Teil ihres Einkommens staatlichen Kontrollen zu entziehen.