Unverständlich“, „beschämend“, „Fehlurteile“: das waren noch die milderen Etiketten für die Entscheidungen im Düsseldorfer Maidanek-Prozeß am 30. Juni diese Jahres. Die geschmähten Richter überraschte die massive Urteilsschelte allerdings kaum. Nicht nur sind bisher fast alle Verfahren gegen NS-Verbrecher so kritisch kommentiert worden. Allmählich entwindet auch die Zeit dem Juristen das Werkzeug. War schon immer zweifelhaft, ob diesem unfaßlichen Verbrechenskomplex forensisch beizukommen ist, so schwindet nun obendrein die Möglichkeit dazu.

Was der Versuch bisher geleistet hat, untersucht

Peter Steinbach: „Nationalsozialistische Gewaltverbrechen. Die Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit nach 1945“; Beiträge zur Zeitgeschichte 5, Colloquium Verlag, Berlin 1981,108 S., 9,80 DM.

Unter dem etwas zu weit gefaßten Titel referiert Steinbach die Geschichte der strafrechtlichen Auseinandersetzung mit NS-Tätern und -Taten sowie die Reaktion der Öffentlichkeit darauf. Vom Nürnberger Prozeß über Entnazifizierung, Errichtung der Ludwigsburger Ermittlungszentrale und Eichmann-Prozeß bis zu den Verjährungsdebatten erhält man einen ausgezeichneten Überblick über den zähen und unbeirrbaren Kampf um die Aburteilung der Mörder und Mordgehilfen des Hitlerreiches.

Dabei wird deutlich, wieviel die Historiker auf diesem Felde den Juristen verdanken, Und nicht nur die Historiker: Unser ganzes Gemeinwesen ist der geduldigen Aufklärungsarbeit der Strafverfolger verpflichtet. Sie haben einer Legendenbildung wie nach dem Ersten Weltkrieg gründlich vorgebeugt und das Selbstverständnis der zweiten deutschen Demokratie als Gegenentwurf zum totalitären System des Dritten Reiches stabil untermauert.

Gewiß kein Armutszeugnis – aber ein so makelloses Ruhmesblatt des Rechtsstaats, wie es Steinbach bei aller Einsicht in Mängel und Fehlleistungen letztlich darstellt, wohl auch nicht. Vor allem die skandalöse Nachsicht mit Tätern aus der eigenen Branche hat die Justiz viel Glaubwürdigkeit gekostet. Daß die NS-Prozesse in ihrer Prangerfunktion zudem Mitläufern der Nazis die Entschuldung erleichtern, findet auch Steinbach bedenklich. Doch ändert das nichts an seiner rundum positiven Bilanz, vor allem im Vergleich mit der DDR, die das NS-Erbe kurzerhand ausgeschlagen und Bewältigung durch Polemik gegen die Bundesrepublik ersetzt hat. Wer gewisse personelle Verbindungslinien von der NSDAP zur politischen Elite der Bundesrepublik bedauert oder gar bemängelt, setzt sich deshalb bei Steinbach dem Verdacht aus, das Geschäft eben dieser DDR zu besorgen. Schuld am Vertrauensschwund, zumal bei der Jugend, wären demnach nicht die einstigen PGs in der politischen Führung, sondern die Kritiker solcher „Karrieren“.