Von Annelies Furtmayr-Schuh

Wenn im alten China einem Krieger ein Bein amputiert werden mußte, spielte er währenddessen Schach, um sich vom Schmerz abzulenken. Warum der Denksport die Höllenqualen lindern half, beginnen moderne Schmerzforscher langsam zu verstehen. Denn Schmerz ist, wie letzte Woche beim Dritten Welt-Schmerz-Kongreß im schottischen Edinburgh abermals deutlich wurde, ein bewußt erlebter Prozeß, an dem höhere Zentren des Gehirns ausgeprägt beteiligt sind.

Die tapferen Chinesen mögen diese Zusammenhänge längst erahnt haben. Doch die eigentliche Schmerzforschung begann erst vor zehn Jahren: Damals wurden einer Ratte winzige Elektroden ins Gehirn gepflanzt, über die sich Schmerzen ausschalten ließen. Einem Orkan gleich fegte die Nachricht vom Schmerzschalter um den Erdball und löste eine fieberhafte Forschertätigkeit in den einschlägigen biochemischen, neurologischen und physiologischen Labors aus. Das Gehirn der Wirbeltiere einschließlich des Menschen, soviel war klar geworden, besitzt chemische Bindungsstellen für Schlaf- und Schmerzmittel.

Doch damals wußte noch niemand diesen Befund zu deuten. Wieso besitzt das Gehirn Bindungsstellen – „Rezeptoren“ – für Morphium und andere Opiate, die von asiatischen Mohnpflanzen gebildet oder im Labor von tüchtigen Chemikern synthetisiert werden?

Die gefundenen Bindungsstellen reagieren freilich nicht zufällig mit unseren gebräuchlichen Narkotika, sondern sind tatsächlich am Schmerz beteiligt, wie 1975 Hans Kosterlitz und John Hughes bewiesen. Die beiden in Edinburgh forschenden und lehrenden Wissenschaftler entdeckten nämlich im Gehirn körpereigene also endogene – Schmerzmittel, die sich an die Rezeptoren anlagern. Das Gehirn bildet also eigene „Opiate“. Kosterlitz und Hughes tauften diese Schmerzmittel des Gehirns auf den Namen Enkephaline, abgeleitet vom griechischen Wort für „im Kopf“. Bald darauf kreierte jedoch ein internationaler Kongreß der Narkoseforscher den Namen Endorphine („endogene Morphine“) für alle körpereigenen Opiate, deren Zahl mittlerweile auf etwa 20 angewachsen ist. Endorphine gehören zur Stoffklasse der Peptide, die wie Eiweißverbindungen aus Aminosäurebausteinen bestehen, wenngleich ihre Molekülketten wesentlich kürzer sind.