Ausgewählte Werke des „Simplicissimus“-Dichters Dr. Owlglass

Von Ludwig Rohner

Es muß schon „der Reiz des Fast-Unmöglichen“ sein. Da gewahrt ein einzelner in Kirchheim unter Teck, daß wichtige schwäbische Bücher auf dem Markt seit langem fehlen: die Sammlung von 250 Volksliedern (darunter ein paar „Ehestandslieder“), die 1855 ein Tübinger Professor für morgenländische Sprachen herausgegeben hat, dazu aus der Jahrhundertwende eine fast tausendseitige Literaturgeschichte und die einzige systematische Darstellung der schwäbischen Dialektdichtung. Unter den Dichtern ist ihm Christian Wagner aus Warmbronn, der zarte Sonderling, besonders lieb. Warum ist „Der Sonnen wirt“ von Hermann Kurz nicht greifbar, der bedeutendste schwäbische Roman? Und Emil Strauß hält er für zu Unrecht vergessen; dessen „Freund Hein“ muß man künftig nicht mehr über die Fernleihe bestellen.

Verwegen beschloß Jürgen Schweier vor sechs Jahren, diesen leidigen Zustand zu ändern. Sein Einmannverlag bringt seither bibliophile und wohlfeile „Suevica“ heraus („Schwäbisches“ Hänge zu provinziell-heimatschützlerisch). Der eine Mann lektoriert, budgetiert (Zinssatz derzeit 15 Prozent pro Jahr), bibliographiert, verfaßt Lebensskizzen, wirbt Gönner und Käufer und verpackt jedes Buch selber. Ausstattung und Einrichtung verdienen das höchste Lob. Dabei nichts Geschmäcklerisches. Der „normale“ Leser soll an den Büchern seine Freude haben und der Fachmann auch.

Dies erklärte Ziel wird gewiß mit der Wiederentdeckung eines originellen Landsmanns erreicht –

„Ausgewählte Werke des ‚Simplicissimus‘-Dichters Hans Erich Blaich/Dr. Owlglass, mit sämtlichen Briefen an Kurt Tucholsky, mit einer Einleitung, Anmerkungen und einer Bibliographie herausgegeben von Volker Hoffmann“; Jürgen Schweier Verlag, Kirchheim/Teck, 1981; 363 S., 35,– DM.

Ein gesprächigerTitel. Dr. med. Hans Erich Blaich aus Leutkirch, während seines Langzeitstudiums zeitweise Famulus des Psychiaters Kraepelin, hat bis 1931 als Facharzt für Lungen- und Halskrankheiten praktiziert, die letzten zwei Jahrzehnte in Fürstenfeldbruck. Von allem Anfang an und bis zum bitteren Ende schrieb er für den Simplicissimus, mit monatlich fünf Gedichten unter Vertrag. Bekannt wurde er als Dr. Owlglass (Eulenspiegel englisch); für die Tageslyrik entnahm er der „Edda“ den unaussprechlichen Tarnnamen „Ratatöskr“ (nach dem Eichhörnchen, das an der Weltesche mit zänkischen Meldungen herumhuscht). 1914 kam es in der Redaktion zum Krach, als Ludwig Thoma ins nationalistische Fahrwasser steuerte. Den unaufhaltsamen Aufstieg des Trommlers hat Dr. Owlglass mit sarkastischen Versen begleitet: „L’éclat, c’est moi!“