Von Hans Jakob Ginsburg

Die Siamkatze durften Zdenek Mlynář und seine Frau mitnehmen, als sie 1977 aus Prag in den Westen kamen. Zum erstenmal, seit Trotzki Rußland verlassen mußte, ging ein früheres Mitglied einer kommunistischen Parteiführung ins Exil. Auf den "Prager Frühling", die Reform des Jahres 1968, war unter dem Druck der sowjetischen Panzer die Eiseskälte der Diktatur gefolgt. Mlynář, 1968 unter Dubček ein führender Reformer, sprach vom "Nachtfrost" – und so nannte er auch das Buch, in dem er seine Geschichte und die Geschichte der kommunistischen Tschechoslowakei bis zur Niederlage beschrieb. Aus dem gestürzten Funktionär wurde ein Emigrant.

Wien 1981. Die Mlynářs wohnen in einem langweilig-funktionalen Neubaukomplex am Stadtrand. Läge er in der Bundesrepublik, könnte die Neue Heimat der Bauherr sein. Hier wirbt in einem Schaukasten im Innenhof die SPD für ihre Kommunalpolitik.

Mlynář ist ein freundlicher Gastgeber und ein aufmerksamer Zuhörer. Der 51jährige spricht ein reines Deutsch, nicht den Schwejk-Tonfall, der im deutschen Fernsehen gepflegt wird, wenn es tschechisch zugehen soll – wie kürzlich in dem Dokumentarspiel über die Ereignisse von 1968, das Mlynář kommentierend begleiten durfte. Das Pathos seines Fernsehkommentars ist nicht sein persönlicher Stil: Er ist leise, er denkt nach und läßt es merken. Analysen sind ihm lieber als Bekenntnisse.

Über zwei Jahrzehnte arbeitete Mlynář im Parteiapparat der tschechoslowakischen Kommunisten; sieben Jahre lang lebte er als Verfemter unter der Diktatur. Beides hat seine Neigung, über Privates zu reden, nicht gefördert. Die Lebensgeschichte des Mannes verschwindet hinter einer politischen Biographie, aber der Mensch hinter der Karriere bleibt zu erkennen; gerade an den Wendepunkten.

Ende August 1968 in Moskau begann Mlynářs Fall – mit einer Rutschpartie. Wenige Tage zuvor waren die Panzer der Roten Armee über seine Heimat hergefallen. Im Kreml setzten die Führer der tschechoslowakischen KP, teils Unterhändler, teils Gefangene, nach quälenden Verhandlungen ihre Unterschrift unter ein Abkommen, das die Optimisten immer noch für einen Kompromiß hielten. Alles war vorbereitet, als Photographen in den Verhandlungssaal stürzten und die sowjetischen Politbürokraten aufsprangen, um ihre tschechoslowakischen Gegenüber nach den Regeln des Rituals zu umarmen. Doch ein Russe griff ins Leere: Dubčeks ZK-Sekretär Mlynář ließ seinen Stuhl über das glatt gebohnerte Parkett fortschlittern. Er unterschrieb zwar noch, aber sein politischer Sturz war jetzt nur noch eine Frage von Wochen.

Jahre des Schweigens folgten. Dann wurde Mlynář Sprecher der Bürgerrechtsbewegung "Charta 77" und verlor seinen Arbeitsplatz in der Insektenabteilung des Prager Naturhistorischen Museums. Das Regime stellte ihn vor die Wahl zwischen einem Hilfsarbeiterjob – ein DDR-Oppositioneller nannte so etwas einmal "Strafversetzung in die herrschende Klasse" – und der Ausreise. Mlynář ließ seine Kinder aus erster Ehe zurück, seine 84jährige Mutter erhielt bis heute kein Ausreisevisum.