Am 25. September, gegen 19 Uhr, werden vierhundert Menschen vier Schiffe am Hamburger Jungfernstieg besteigen. Ziel der Seefahrt ist eine Theaterpremiere. Eröffnet wird, am 25. September, gegen 20 Uhr, der neue Malersaal des Hamburger Schauspielhauses, ein paar Kilometer ostnordost gelegen, mit einer zweisprachigen, deutsch-französischen Revue von Jérôme Savary: „Weihnachten an der Front“.

Viele Kanäle führen von der Hamburger Außenalster in die Stadtviertel hinein. Einer geht direkt nach Norden, vorbei an Villen und Stadtpalästen, an Gärten mit Rotbuchen und Trauerweiden. Diesen Weg nehmen die vier Theaterschiffe nicht. Sie fahren eine Wasserstraße, die schnell aus dem großbürgerlichen Hamburg hinausführt – vorbei an Schrebergärten, Mietskasernen, Fabriken.

Im proletarischen Barmbek, direkt am Osterbekkanal, steht die alte Kampnagel-Fabrik. Zuletzt wurden hier, von einer Firma Still, Gabelstapler hergestellt. Plötzlich ist aus der Fabrik ein Theater geworden; im Direktionszimmer des Fabrikdirektors residiert nun der Theaterdirektor Rudolph; in den riesigen Hallen haben die Schauspieler, die Bühnenarbeiter, die Requisiteure, die Theaterschneider ihre Arbeit begonnen.

Dies alles ist nur ein Provisorium – in spätestens drei Jahren wird das Schauspielhaus in das (dann renovierte) Theater an der Kirchenallee zurückkehren, wird es auch wieder einen Malersaal, tief unter der Erde, anstelle des jetzt abgerissenen Schuppens geben. Die Fabrik ist ein Provisorium – bei dessen Anfang allerdings man schon betrübt an das (unvermeidliche?) Ende denkt.

Denn das Not-Theater, das Nicht-Theater an der Jarrestraße ist ein schöneres Theater als fast alle Theater, die in unserem Land neu und teuer gebaut wurden: ein Idyll am Wasser und ein geheimnisvoll-düsterer Ort, mit einer langen, schon nicht mehr ganz entzifferbaren Geschichte. Ein riesiges Gelände zum Wandern und Sich-Wundern, ein Abenteuer für den Theaterzuschauer selbst dann, wenn die Kunst-Abenteuer des Schauspielhauses einmal bescheiden bleiben sollten.

Auch in Bremen hatte das Theater vor einigen Jahren eine Halle gefunden, vielleicht noch bizarrer als die in Hamburg – auf dem Gelände des alten Schlachthofs. Ein einziges Mal hat man dort spielen können, Jahnns Tragödie von „Richard III.“ – in den Theaterferien kamen die Bagger. Doch an den einen Abend im Bremer Schlachthof werden sich die Zuschauer länger erinnern als an die vielen Abende im Bremer Theater.

Auch in Hamburg wird man wohl abreißen – Wohnungen und Grünanlagen sollen dereinst das Gelände nutzen. Es wird eine Bürgerinitiative geben zur Erhaltung der Hallen – bestimmt. Und es werden die Bagger kommen – bestimmt.