Von Ernst Hess

Ein rauher Nordostwind fegt durch die leere Boxengasse und läßt die Schindeln der alten Holztribüne ächzen. Auf dem Asphalt haben die Bremsspuren ein bizarres Muster hinterlassen – verwitterte Graffiti der letzten Rennen. Es ist Ende August, ein kupferfarbener Herbsttag in der Eifel. Den Kalender hat die Eifel noch nie allzu ernst genommen. Manchmal fällt Schnee im Mai und verzuckert die bunten Rennwagen. Dann schütteln Fahrer und Mechaniker vielsagend den Kopf, fluchen auf den Nürburgring, der sie doch immer wieder fasziniert. Oder es regnet tagelang und man sieht vom Dunlopturm nicht einmal bis zur Ruine der Nürburg, obwohl nur tausend Meter Luftlinie dazwischen liegen.

Nichts regt die Phantasie mehr an als eine verwaiste Rennstrecke. Man schließt die Augen und glaubt das Grollen der Motoren zu hören, die schrille Hektik in den Boxen oder den Jubel des Publikums. Doch am Horizont zeigt sich kein Wagen, fast beklemmend ist die Stille am Start und am Ziel. Wären da nicht die ölspuren, die Reklameschilder und Leuchttafeln, man könnte meinen, irgendwo an der Landstraße von Adenau nach Quiddelbach zu stehen.

Ein halbes Jahrhundert ließ sich der „Ring“ als Star unter den Rennpisten der Welt feiern. „Schöne grüne Hölle“ nannte ihn der große Fangio respektvoll, für die Generation der Caracciola, Rosemeyer oder Ascari war er die Herausforderung ihres Lebens. Hatte man weiter Autos gebaut, die auf jeder Strecke einsatzfähig sind, dann würde der Grand Prix von Deutschland noch heute in der Eifel ausgefahren. Doch den Konstrukteuren der Formel 1. war der kurvenreiche Nürburgring schon lange ein Dorn im Auge.

Erbarmungslos wurden ihre fragilen Renner durchgerüttelt und gestaucht, immer häufiger brachen Antriebswellen oder Radaufhängung einfach weg. Im August 1976 signalisierten dunkle Rauchwolken das Ende: Der Österreicher Niki Lauda, einer der schärfsten Kritiker des Traditionskurses, war mit seinem Ferrari im Streckenabschnitt Bergwerk schwer verunglückt. Obwohl Experten ziemlich einhellig die Auffassung vertraten, daß der Unfall überall hätte passieren können, lieferten die schrecklichen Bilder der FOCA (Formula one constructors association) den Vorwand zum endgültigen Boykott. Seit 1977 gastiert der Grand Prix-Zirkus im badischen Hockenheim, für die jungen Fahrer – mit ausgeprägtem Sinn für reduziertes Risiko bei steigenden Erträgen – ist der „Ring“ nur noch Legende.

Von ihrer Attraktivität hat die alte Rennstrecke allerdings kaum etwas verloren. Jährlich pilgern fast 300 000 Touristen zur Nürburg, um die berühmten 22,835 Kilometer Asphalt einmal selbst zu erfahren. Mag sein, daß da Kindheitsträume realisiert werden, wenn Vater den vollbepackten Audi durch die 176 Kurven (85 mal rechts rum, 91 mal links rum) chauffiert.

„Für mich war das ein ganz tolles Erlebnis“, strahlt Richard Hamilton, Ingenieur aus Houston/Texas. Zusammen mit seiner Frau Susan, den Sprößlingen George, Linda und Kenneth sowie einem PS-starken Leihwagen aus Untertürkheim war Hamilton drei Runden lang unterwegs. „Am Anfang sind wir ziemlich vorsichtig gefahren, weil wir die Strecke nicht kannten. Aber in der dritten Runde hat Susan knappe elf Minuten gestoppt, das ist ein Durchschnitt von über 120 km/h“. Sohn George (16) hält allerdings von den fahrerischen Qualitäten seines Daddy nicht allzu viel: „Zweimal ist der Mercedes mit dem Heck ausgebrochen und in der Hatzenbach haben wir uns auf dem Seitenstreifen gedreht. Ein Glück, daß da kein Baum stand.“