Von Hans-Jürgen Heise

Es sind die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die immer wieder minor poets vorübergehend den Stellenwert großer Dichter geben – einen Rang, mit dem sie und auch ihre Leser schließlich nicht fertig werden. Reiner Kunze, als Arbeitersohn ein Zögling des DDR-Staats, in dem er aufwuchs, hatte ein erkennbar förderungswürdiges Talent. Doch ein bornierter Kulturapparat, der glaubte, von allen Wortkünstlern Klassenkämpferische Parolen einfordern zu können, ließ den jungen Poeten nicht schreiben, was dieser schreiben wollte: zarte Verse, in denen Naturbilder und Liebesstimmungen, oft beides in schöner Verquickung, zum Ausdruck drängten:

An der Thaya, sagst du, überkomme dich „undefinierbare sehnsucht“.

Gehn wir in den fluß, die sehnsucht definieren.

Nach den damaligen Vorstellungen der Kulturfunktionäre seines Landes sollte Kunze nicht einen solchen lyrischen Müßiggang betreiben, sondern Nützliches für den sozialistischen Aufbau leisten. Das brachte ihn in Opposition zu den politischen Linienrichtern, denen er, der arglose Landschafter, bald seine defensive Sentenz entgegenhalten mußte: „Ich bin des regenbogens angeklagt. Der weitere Verlauf der Dinge ist bekannt. Der Lyriker, der einfach ich Und du, doch nicht wir sagen wollte, wurde durch den Druck von außen in die Haltung einer Gegnerschaft hineingezwungen, und in dieser Rolle ging er mehr und mehr auf – auch als das Schreiben von Natur- und Liebesgeschichten längst keinem Tabu mehr unterlag.

Eine kräftigere Begabung hätte sich an diesem Punkt der allgemeinen Entwicklung wieder stärker auf sich selbst konzentrieren können. Doch Kunze nahm die Provokation als Dauerherausforderung an und erweiterte nun sein Repertoire um jene „externen“ Themen, mit denen er bald mehr von sich reden machte als mit seinen subtileren Arbeiten:

Im mittelpunkt steht der mensch