Von Wolfgang Hoffmann

Wolfgang Hans Levi hat seinen Frust. Zwar weigert der Chef der Kerntechnischen Gesellschaft sich wacker, die Lage der Atomwirtschaft „dramatisch“ zu sehen. Doch mehr und mehr fragt er „sich wirklich, was das Gänze noch für einen Sinn macht“.

Der Sinnverlust des Kernkraft-Mannes hat guten Grund. Nie seit den schlimmen Demonstrationsschlachten um Gorleben und Brokdorf, um Kalkar und Wyhl, nie seit dem kläglichen Nein des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zum großen Entsorgungszentrum in seinem Land hat es für die Atomenergie in der Bundesrepublik massivere Nackenschläge gesetzt als in den jüngsten Wochen:

  • Frankreich weigerte sich, atomaren Müll aus deutschen Kernkraftwerken wie vereinbart anzunehmen.
  • Deutsche Gerichte verurteilten die Entsorgungspraktiken, die Bund und Länder beschlossen haben.
  • Hessens Wirtschaftsminister Hoffie lehnte einen für eine Wiederaufbereitungsanlage benannten Standort ab.
  • Und schließlich wachsen die Zweifel, daß der Salzstock in Gorleben sich als Endlager für hochradioaktive Stoffe eignet.

Hiobsbotschaften auch sonst. Zwei Reaktoren mit fortgeschrittener Nukleartechnologie, der Schnelle Brüter in Kalkar und der Hochtemperaturreaktor in Schmehausen stehen auf der Kippe, weil das Geld dafür ausgeht. Ein Reaktor konventioneller Bauart, nämlich in Wyhl, kann nicht weitergebaut werden; er ist durch Urteil blockiert. Von den neun neuen Kernkraftwerken, die seit 1974 beantragt wurden, ist bislang keines genehmigt worden.

Für die Kernkraft, in den Augen ihrer Verfechter einzige Rettung vor dem dereinst drohenden blackout, können deshalb bald selbst die Lichter ausgehen.

Wenn es soweit kommt, hat die Branche sich das freilich selbst zuzuschreiben. Willig, gar dankbar, hat sie befolgt, was lavierende Politiker aller Couleur ihr nahegelegt haben: den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun. Vierzehn Kernkraftwerke wurden an die Ufer der Flüsse und auf die Auen gesetzt. Doch die bange Frage, was mit dem atomaren Müll aus den Reaktoren geschehen soll, wurde nach dem Motto behandelt: nach uns die Sintflut. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Ulrich Steger, beileibe kein Gegner der Kernenergie, sieht die Lage korrekt: „Die Bedrohung für die Kernenergie kommt nicht von den Bürgerinitiativen, sie kommt von der Entsorgung.“ Denn die Entsorgung, die vom Gesetz geforderte „schadlose“ Verwertung oder „geordnete“ Beseitigung radioaktiver Abfälle, ist längst nicht in Sicht.