Von Ross Terrill

Zum fünften Male jährte sich vorige Woche der Todestag Mao Tse-tungs. Die chinesische Presse erwähnte ihn diesmal mit keinem Wort, das Mao-Mausoleum auf dem Platz am Tor des Himmlischen Friedens in Peking blieb geschlossen.

Fürwahr, China hat sich verändert, seit 1976 die Parkinsonsche Krankheit einem großartigen Tyrannen und seiner vierzigjährigen Vorherrschaft über den chinesischen Kommunismus ein Ende setzte. Die Ideologie ist verwelkt, und wirtschaftliche Dinge sind es, die Regierung und Volk gleichermaßen beschäftigen. Schüchtern trauen sich die Gesetze und Theorien des Managements wieder hervor – ein Echo auf die Willkür der späten Mao-Epoche, als Wille über Vernunft gestellt wurde. China schaut auf das Ausland, nicht bloß auf der Suche nach der Technik, sondern auch nach den Ideen für die vordringliche Anstrengung, eine Gesellschaft von einer Milliarde Menschen zu modernisieren.

Paradoxerweise führen gerade diese willkommenen Veränderungen zu einer neuen, nüchternen Einsicht in die Unwandelbarkeit chinesischer Probleme und die Grenzen des Wandels. Wo die Ideologie schwindet, macht sich Nihilismus breit. Der Vorrang der Wirtschaft erinnert schmerzlich an die Rückständigkeit Chinas, dessen Lebensstandard für die absehbare Zukunft noch weit unter dem ostasiatischen Durchschnitt bleiben wird. Die Verwaltungsreform reicht nur so weit, wie es sich mit der Monopolherrschaft der Kommunistischen Partei verträgt. Und Chinas neue Verbindung zur Welt rückt gelegentlich nur zu sehr die Schwerfälligkeit seines Staates und die Unbeweglichkeit seiner Kultur ans Licht.

Würde Mao wieder auferstehen und um sich blicken, lächelnd oder mit einem Seufzer der Verzweiflung, wäre er wohl mehr erschüttert durch das Bleibende als durch die Veränderung. Mag auch die kommunistische Idee geschwächt sein, der Griff der Partei ist ungebrochen; immer noch fallen in China die Hunderte von Millionen armer Dorfbewohner mehr ins Gewicht als die paar zehn Millionen moderner Städter; nach wie vor streiten sich die Regierenden, wenn auch nicht mehr so häufig über ideologische Fragen wie zu Maos Zeiten. Denn ihre Interessen kollidieren, und irgend jemand muß für politische Schwankungen die Schuld bekommen.

Der Maoismus hat einen Hang zur Utopie, wie Peking jüngst in einer umfangreichen Neubewertung der Ära Mao moniert hat, aber er ist zugleich pragmatische Anpassung an die Wirklichkeit einer riesigen, armen, bäuerlichen und stolzen Nation – eine geschmeidige Philosophie, geschmiedet in dem jahrzehntelangen erfolgreichen Kampfe, eine zusammengebrochene dynastische Ordnung durch einen modernen Staat zu ersetzen.

Auch Deng Xiaoping muß, wie Mao, bei seinen ökonomischen Überlegungen zuerst an die Landwirtschaft denken, auch er muß eine Art „Massenlinie“ praktizieren und international eine Politik des Selbstvertrauens verfolgen – kein Herrscher Chinas hat da heutzutage viel Spielraum. Deng hat Maos Freunde (und Familie) ausgekehrt, weniger seine Ideen. Seine Schwierigkeiten mit Mao scheinen mehr politischer als philosophischer Natur zu sein.