Der unlängst gepriesene Benjamin ist, wie man wohl nunmehr, nicht zuletzt an Hand dieser Werkausgabe, weiß, der wirkliche Benjamin nicht gewesen. Es ging vielmehr um einen Benjamin, dessen Gedankengänge von der Neuen Linken nach verbalen Erkennungszeichen sortiert worden sind, in solche zumal, mit denen sie sich identifizieren konnte. Dazu trugen fraglos die Mühen bei, die Benjamin bei der Konstituierung seines historischen Materialismus’ hatte: es waren, avant la lettre die Mühen seiner späteren Leser. So löste der zwiespältige Aufsatz über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ dort verheerende Folgen aus, wo man, über dem revolutionären Habitus, Ästhetik und Kommunikation nicht außer acht lassen wollte.

Nicht nur Brecht, auch Adorno hat in Hinblick auf den Begriff der Aura oder auf jene Stellen Bedenken angemeldet, darin Benjamin, McLuhan nicht unähnlich, angesichts der neuen visuellen Produktionsmittel die Produktionsverhältnisse in den Hintergrund rückte. Nicht daß dieser Aufsatz, wie übrigens ein anderer, „Der Autor als Produzent“ überschrieben, die Dinge auf den Kopf stellte: Er setzte vielmehr die Dinge einem Voluntarismus aus, der historisch, wenn nicht gar biographisch zu erklären ist und somit den Wunsch nach „prognostischen Anforderungen“ zum Vater der Analyse machte. Es kann nicht Wunder nehmen, daß Benjamin, über das Ästhetische hinaus, zur Kultfigur wurde: Vom „Theologen der Revolution“ war die Rede, und ein Idiot gar hat eine Schrift mit dem Titel „Swinging Benjamin“ zum Druck befördert.

Die zwölf Bände der Gesammelten Schriften werfen noch einmal die Frage auf, wie man Benjamin lesen soll. Ist er, Karl Kraus zufolge, unverständlich? Wimmelt es hier, nach Brechts nicht antisemitisch gemeintem Diktum, von Judaismen? Oder sind, nimmt man Adornos Bedenken zur ersten Fassung der Baudelaire-Arbeit hinzu, vulgärmaterialistische Ableitungen förmlich mit dem Eisenlineal gezogen?

Anderntags, das stimmt schon, ist man klüger. Es konnte nicht ausbleiben, daß ein anderer Benjamin ins Gespräch kam: der hochbegabte Sohn des Herrn Wendriner. Darüber wiederum vergaß man beispielsweise die Polemik, die er in der Arbeit über die „Wahlverwandtschaften“ jenem Friedrich Gundolf geliefert hat, der sich „in die Welt der Sachgehalte des Goetheschen Lebens“ versenkte, „in denen er doch nur vorgeblich dessen Wahrheitsgehalt darstellen kann“. Hier also der Gefährte Brechts, dort einer von denen, die sich in den zwanziger Jahren „Die Geistigen nannten. In jedem Fall aber war Benjamin einer, der sich Bücher und Literaturen einverleibte, wohl wissend, daß ihm dafür das Leben, und hieß es auch Asja Lacis, keinen Ersatz bot.

Als ihm in Frankfurt die Habilitation verweigert wurde, mußte er sein Auskommen als Literat bestreiten. Ein Nachteil ist das, im nachhinein gesehen, nicht gewesen. Benjamins Schreiben ist von einer Liebe zur Belletristik bestimmt, von der man sagen kann, daß es sich keineswegs um eine ungebrochene gehandelt hat. Sie macht den Glanz der „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ aus; sie kennzeichnet allerdings auch mehr als eine denkerische Übertretung. Abermals von Adorno stammt der brieflich geäußerte Vorwurf, oft bediene sich Benjamin der Metaphern, wo eine Begründung am Platz sei. Philosophisch hat er am liebsten mit Abbreviaturen gearbeitet, und was er über Baudelaire sagte, kann ohne weiteres auch für ihn gelten: „Baudelaire war ein schlechter Philosoph, ein guter Theoretiker, unvergleichlich aber war er allein als Grübler... Der Grübler, als geschichtlich bestimmter Typus des Denkers ist derjenige, der unter den Allegorien zu Hause ist.“

Die Allegorie nennt er kurz darauf „das Beirrende“. Wer sich, mehr noch, in manch einer der tiefgründigen Sentenzen verliert, sollte auch den Satz nicht vergessen, der in Band 3, einem Kommentarband, abgedruckt ist: „Der virtuelle Gegenstand der Abhandlung wird Calderon sein; die Unkenntnis des lateinischen Mittelalters wird mich an einigen Stellen zu einem Tief sinn genötigt haben, den exakteste Quellenkenntnis erübrigt hätte.“

Behält man Benjamin, den Belletristen im Auge, so kommt eine Gattungsfrage ins Spiel. Was er souverän geschrieben hat, sind, wie es in der Ausgabe auch heißt, „Denkbilder“. Die Franzosen kennen dafür den Ausdruck „récit“, der bald Erzählung, bald Bericht ist. Er kann, wie es „Das Paris des Second Empire bei Baudelaire“ zeigt, auch von der Abhandlung Besitz ergreifen: Das Grübeln schlägt sich in Figuren nieder, die ihrerseits durchaus .Romanfiguren hätten sein können. Nur jemand, der mit der „fiction“ auf vertrautem Fuß steht, kommt darauf, das Baudelairesche Personal in den „Flaneur“, den „Apachen“, den „Dandy“ und den „Lumpensammler“ zu gliedern. Imaginäre Gestalten werden bravourös zusammengefaßt: Für Baudelaires „A une passante“ zieht Benjamin Poes Marie Rogêt heran. Bei einer anderen Gelegenheit notiert er sich, einen Vergleich zwischen Kafkas „Forschungen eines Hundes“ mit Brechts Traum des Soldaten Fewkoombey aus dem Dreigroschenroman zu ziehen, denn das letzte halbe Jahr seines Lebens habe Fewkoombey unter Hunden zugebracht. Porträtiert Benjamin einen Schriftsteller, Proust, Kafka, Kraus oder Lesskow, so tritt aus den Kunstfiguren der Bücher die Kunstfigur des Autors hervor, wobei diese, soviel auch auf die Biographie hingewiesen wird, nicht unbedingt mit der biographischen Person übereinstimmen muß. Das Bildhafte nimmt die Fakten in Beschlag. Etwas Ähnliches gilt von den Städtebildern wie „Moskau“ oder „Neapel“, wie sich überhaupt bis in die kleinste Gelegenheitsarbeit hinein der Tonfall des Erzählers, der Bilder handhabt, geltend macht.