Im Dauerkrieg zwischen Mikroben und Medizinern gibt es keine endgültigen Siege

Von Günter Haaf und Horst Ibelgaufts

„Überall, wo ich hinkomme, wollen mir Leute dafür danken, daß ich ihnen das Leben gerettet habe. Ich weiß nicht recht, warum sie das tun. Die Natur macht das Penicillin, ich habe es nur gefunden.“ Alexander Fleming

Die Huren im Hafen von Lagos oder Libreville danken heute weder der Natur noch dem Entdecker der „Königin der Medikamente“, so sie Flemings Name überhaupt je gehört haben. Für sie und ihre Kundschaft sind die drei Penicillin-Pillen zum Bier ebenso selbstverständliches Ritual wie der Würfel Zucker im Morgenkaffee des Bundesbürgers: ein kleiner Kunstgriff, der die Liebesseuche Gonorrhoe – landläufig besser als Tripper bekannt – auf Distanz halten soll. Auch deutsche Lustreisende in Bangkok greifen gern vorsorglich zum wohlfeilen Antibiotikum, damit sie den heimwärtsfliegenden Charterjet (Branchenjargon: „Tripper-Clipper“) reinen Gewissens besteigen können.

Der leichtfertige Griff zum Gonokokken-Killer Penicillin und dessen pharmazeutischen Brüdern ist freilich nicht auf die Venus-Zentren der Dritten Welt begrenzt. Farmer in den Vereinigten Staaten mixen ihren Hühnern, Schweinen und Rindern knapp die Hälfte der amerikanischen Antibiotika-Jahresproduktion ins Futter: Das liebe Vieh, in infektionsgefährdeten Massenquartieren zusammengepfercht, setzt dann schneller Fleisch an. Aber auch in der Bundesrepublik – gemessen am internationalen Standard ein Musterländle der Hygiene – verschreiben immer noch Doktoren ihrer menschlichen Klientel fix ein Breitband-Antibiotikum gegen Durchfall oder gar Erkältungskrankheiten, um deren Wunsch nach schneller Heilung zu „befriedigen“.

„Das ist natürlich ganz schlecht“, klagt Professor Manfred Dietrich, Chef des Hamburger Tropeninstitutes. Er meint damit nicht nur den falschen – weil unwirksamen – Einsatz der Bakterientöter gegen Virusinfektionen wie etwa den gemeinen Schnupfen: Der weltweite Mißbrauch der Antibiotika schlägt allenthalben Scharten in die Wunderwaffe der modernen Medizin. Denn die derart blindwütig bekämpften (oder nur zufällig in Mitleidenschaft geratenen) Bakterienstämme entwickeln schneller Resistenzen gegen die, Drogen als die Pharmakologen neue Wirkstoffe.

Penicillin vernichtete 1946 nahezu alle bekannten Stämme des Staphylococcus aureus, eines weitverbreiteten Erregers schwerer Infektionen. Heute aber sind rund 85 Prozent aller S. aureus-Stämme Penicillin-resistent. Und eine Dosis Penicillin G, die vor 30 Jahren, zur Behandlung einer Gonorrhoe ausreichend war, muß heute um das Fünfundzwanzigfache erhöht werden, damit der Tripper, falls überhaupt, verschwindet – ebenfalls eine Folge erhöhter mikrobieller Widerstandskraft. Auch in die Bundesrepublik sind Gonokokken-Stämme eingeschleppt worden, die gegen Penicillin absolut resistent sind.