Die Zeit im Theater der Pina Bausch ist die Zeit der Märchen. Geschichte kommt als Störung vor, wie Mücken im Sommer. Der Raum ist bedroht von der Besetzung durch die eine oder andere Grammatik, des Balletts oder des Dramas, aber die Fluchtlinie des Tanzes behauptet ihn gegen beide Besetzungen. Das Territorium ist Neuland. Eine Insel, die gerade auftaucht, das Produkt einer unbekannten (vergessenen oder kommenden) Katastrophe: vielleicht geschieht sie eben jetzt, während die Vorstellung läuft... Daß eine Sphinx uns anblickt, wenn wir der Freiheit ins Gesicht sehn, sollte uns nicht wundern.

Heiner Müller: „Blut ist im Schuh oder Bas Rätsel der Freiheit“ – Hommage an Tina Bausch, erschienen in Theater 1981“, dem Jahrbuch der Zeitschrift „Theater heute“.

Theater 981

Jeder schimpft darauf, doch jeder will es ganz genau wissen: Die jährliche Kritiker-Umfrage der Zeitschrift „Theater heute“ nach den „Höhepunkten“ der vergangenen Saison ist längst zum populärsten Unternehmen des Blattes geworden. Die „Sieger“-1981 sind: die Dramatiker Franz Xaver Kroetz („Nicht Fisch nicht Fleisch“) und Woody Allen („Gott“ und „Tod“), die Schauspieler Bernhard Minetti („Der Weltverbesserer“) und Christa Bernd! („Glückliche Tage“), der Regisseur Peter Stein (,,Orestie“), die Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann und Rolf Glittenberg. Die erfolgreichsten Bühnen, lernt man von „Theater heute“, waren: das Schauspiel in Köln, das Schauspiel in Bochum, das Hamburger Schauspielhaus, das Wuppertaler Tanztheater und die Berliner Schaubühne. Vermissen wird jeder treue „Theater heute“-Leser im Jahrbuch 1981. den jährlichen theaterhistorischen Groß-Essay von Günther Rühle („Das Theater, der zwanziger Jahre“ oder „Das Theater, der neunziger Jahre“) – in die nächste, Saison müssen wir nun zum ersten Mal ganz ohne Rat und Wegweiser gehen. Über diese Enttäuschung hinweg helfen Schauspieler-Porträts, Inszenierungsanalysen, Essays über Büchner und „Dantons Tod“ sowie eine skurrile Interview-Trilogie von Peter Friedl mit den Gesprächspartnern André Heller, Robert Wilson und Hans Jürgen Syberberg. Das Schönste am schönen Jahresheft: das neueste „Theater heute“ sieht plötzlich fast wieder aus wie das alte „Theater heute“. Wenigstens für diese Ausgabe haben Peter von Becker und Henning Rischbieter, die beiden Herausgeber des alteingeführten Fachblattes, auf jenes neue, neckische Twen- und Teenie-Layout verzichtet, das in den letzten Monaten „Theater heute“ schick verunstaltet hat.

Letzter Expressionist

Am 20. September wird Kurt Heynicke neunzig Jahre alt, der letzte noch lebende der dreiundzwanzig Lyriker, die Kurt Pinthus 1919 in der klassisch gewordenen Anthologie „Menschheitsdämmerung“ versammelt hat. Zu diesem Tag erscheint ein Band „Alles Gelebte ist Leihgab“ (Verlag Galerie Nr. 6, Graf Ulrich Straße 6, 7250 Leonberg; 18 Mark) und eine Ausgabe des „Lyrischen Werkes“ in drei Bänden, bei. Erich Norberg (Postfach 108, 6250 Worms; 66 Mark), daraus diese Zeilen unter dem Titel: „Zwischen den Katastrophen“: „Es regnet Geweintes,/Die Gesteinigten/sammeln die Steine/und baun ihre Wildnis/neu/Am Kap der verlorenen Hoffnung/gehen die Strandlichter an.“

Jacques Lacan

Der französischen Zeitung Le Monde war sein Tod ein Artikel auf der ersten Seite wert: Am 9. September ist Jacques Lacan gestorben. In Deutschland ist sein Name zur selben Zeit unbekannt und heftig umstritten. Die Psychoanalytiker, in deren Reihen man den Gründer der „Freudschen Schule von Paris“ am ehesten zu Hause wähnt, verweisen an die Linguistik, die gibt weiter an die Neuro-Psychiatrie, die will einen so schillernden Vogel wie Lacan lieber bei den Philosophen sehen, die den „Fall“ an die Medizin schicken. Dr. med. Lacan, langjähriger Klinik-Chef, landete bei Strukturalisten und Kulturkritikern: Dorthin schiebt man alle Geister ab, die sich dem Kästchen-Denken der Universitäts-Bürokratie nicht fügen. Das muß kein Schade sein. Vielleicht hat Le Monde recht: Dort wird der Tod gemeldet unter dem Hoffnungs-Titel der Auferstehung: „Die Zukunft eines Phänomens“. Lacan genügte es nicht, Fach-Wissenschaftler zu sein. In einer Zeit wachsender Spezialisierung liegt in diesem Ausgreifen auf Erfor-Disziplinen zwischen Medizin und Philosophie, Neuro-Psychologie bei Kindern und der Erforschung von Kalauern, Psychoanalyse und Sprachkritik wohl die entscheidende Leistung Lacans. Daß er selber Doktrinär war, die Anhänger auf seine Theorie verpflichtete und als „Meister“ einer Weltanschauung seine „Jünger“, die oft Patienten waren, mit „Sitzungen“ abfertigte, deren Dauer sich nach Minuten, ja Sekunden messen ließen, ist kein Widerspruch. Noch mit verschrobenen Einfällen und Assoziationen hat Lacan Freuds Lehre weiter entwickelt als akademische Nachbeter. Wo gibt es noch Mediziner-Psychiater-Analytiker, die von sich aus, nicht erst durch „Problemstellungen“ der Patienten, darauf kämen, sich mit den Texten von Joyce, den Bildern von Hieronymus Bosch, mit Musik oder den Äußerungen von Kindern so ernsthaft zu beschäftigen wie Lacan? Als Scharlatan geschmäht, als Guru angebetet, – von Lacan werden, bleiben: Unruhe, Neugier, Erkenntnis schaffende Kraft eines alle „Fach“-Grenzen überfliegenden Geistes.