Wie schon so oft in den letzten Monaten, vermögen Zinsexperten, einen Silberstreifen am Horizont zu sehen. Die zunächst in den USA sichtbar gewordene Zinssenkung hat sich weltweit fortgesetzt und zu Beginn dieser Woche auf dem deutschen Rentenmarkt einen wahren Run auf die festverzinslichen Papiere ausgelöst.

Vieles spricht dafür, daß die letzte 10,75-prozentige Bundesanleihe in etwa den oberen Renditepunkt markiert hat. Nichts spricht aber dafür, daß wir bis zum Jahresende eine flotte Zinsabwärtsbewegung erleben werden. Der Bund, die Länder und Gemeinden haben bis dahin noch einen erheblichen. Kapitalbedarf zu befriedigen. Von der Nachfrageseite her gibt es also Bremsen.

Das trifft auch für die USA zu, wo ein höheres Haushaltsdefizit finanziert werden; muß, als zunächst angenommen worden war. Möglich ist aber, daß die Differenzen zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Zins künftig größer sein wird, falls nämlich die Ausländer eine Anlage in Mark wieder als interessant, weil aufwertungsverdächtig, beurteilen sollten. Gewisse Ansätze dafür sind vorhanden.

Das bekommt auch der Aktienmarkt zu spüren. Seit einigen Tagen fließen wieder Kaufaufträge aus dem Ausland und sorgen für Aufwind. Von einer Kaufwelle, wie wir sie in den zurückliegenden Monaten gelegentlich erlebt haben, kann indessen bisher noch keine Rede sein. Interesse besteht vor allem für Papiere der Großchemie, ohne daß sich deren Kurse nennenswert nach, oben bewegen, weil deutsche Aktienfonds hier den Markt reichlich mit Material versorgen. Aber auch Aktien der deutschen Maschinenbauindustrie sind gefragt, soweit die Firmen international bekannt sind.

Die Anlagebereitschaft in den Aktien der Autokonzerne hat nachgelassen, obwohl deren Inlandsgeschäft keinswegs bedrohlich schlecht ist und im Export Boden gutzumachen war. Möglicherweise ziehen die Schwierigkeiten, in die der Volkswagenwerk-Konzern weltweit geraten ist, die Kurse von BMW und Daimler in Mitleidenschaft. Der VW-Kurs ist einem neuen Jahrestiefstkurs nahe. Spöttisch wird VW-Finanzchef Thomée zitiert, der noch vor gar nicht langer Zeit behauptet hat, vor dem VW-Kurs müsse eine „Drei“ stehen. Heute kann er froh sein, daß noch eine „Eins“ bleibt. Wenn Vorstände über die Kurse ihrer Aktien urteilen, kommt erfahrungsgemäß nicht viel dabei heraus ...

Daß die Bank-Aktien von einer Zinssenkung profitieren würden, liegt auf der Hand. Ihre Kurse haben sich folgerichtig in den lernen Tagen etwas erholt. Als spekulativ aussichtsreiches Papier gilt weiterhin die Commerzbank-Aktie. Immer wieder tauchen Gerüchte auf, ausländische Banken seien an einem Paket interessiert. Die Hongkong and Shanghai Banking Corporation hat dementiert, eine Commerzbank-Schachtelbeteiligung anzustreben, will aber beobachtet haben, daß „von privater Seite“ in Hongkong Commerzbank-Aktien erworben worden sind. K. W.