Unter der Tarnkappe der Katastrophenmedizin wird die ärztliche Versorgung im Kriegsfall geprobt

Von H. M. Hanauske-Abel und G. Obermair

Es ist ein Fluch des Menschengeschlechtes, daß es durch Gewöhnung auch das Schrecklichste ertragen lernt, daß es an der alltäglichen Schändlichkeit das Schändliche vergißt, und daß es kaum begreifen kann, wenn einzelne die Vernichtung desselben anstreben.“

Dies schrieb Militärarzt Rudolf Virchow im Jahre 1849 in einer der noch heute bedeutendsten Zeitschriften für Pathologie, Virchow Archiv. Zum 70. Todestag von Rudolf Virchow feierte das Deutsche Ärzteblatt, das Organ der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, ihn als „Prototyp des deutschen Gelehrten“ mit einer Artikelserie, die als Überschrift Virchows Diktum trug: „Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“

Kaum je war dieser sperrige Satz so unzeitgemäß wie heute und selten für die Ärzte schmerzlicher. Denn Virchow behauptet die notwendig uneingeschränkte Gültigkeit des ärztlichen Ethos, menschliches Leben zu erhalten und zu ermöglichen, und scheut sich nicht, diesen unbedingten Primat für die Politik zu proklamieren. Mag er auch sein kompromißloses Wort glaubhaft gemacht haben durch sein Werk – er war Abgeordneter des Berliner Stadtparlaments, saß viele Jahre im Preußischen Abgeordnetenhaus und im Reichstag; und Kanzler Otto von Bismarck wußte sich dieses Medizinprofessors nicht anders zu erwehren, als ihn zum Duell zu fordern – heute kann Virchows Diktum wohl nur noch festrednerisch zitiert werden, was ja nichts kostet.

Die Wirklichkeit nämlich folgt längst der zeitgemäßen Umformulierung seines Satzes: Medizin ist weiter nichts als Politik im Kleinen. Denn es wird alles getan, damit die bundesrepublikanische Ärzteschaft keinesfalls durch bloße Gewöhnung lernt, das Schrecklichste lediglich zu ertragen, sondern sie wird offensiv, durch Wort und Tat, für den Ernstfall gerüstet. Diese laufenden Vorbereitungen wurden zum Ziel ärztlicher Fortbildung heraufgestuft und sollen universitäres Pflichtfach werden. Nichts bleibt unversucht, die Ärzte im Lande an dieser alltäglichen Schändlichkeit das Schändliche vergessen zu machen, es als Einsicht in Notwendigkeit und höchsten Ausdruck ärztlicher Verantwortung darzustellen, als Gebot der Humanität.

Gerade weil die Aufstellung neuer Waffensysteme in Ost und West die Zerstörung Europas eben nicht unwahrscheinlicher werden läßt, soll von der Ärzteschaft deutlich begriffen werden, wie wichtig eine detaillierte Vorbereitung auf die Zeit Null ist – auf daß die Ärzte durchdacht den Platz einnehmen, der ihnen anderenfalls unvorbereitet aufgezwungen würde. Medizin ist weiter nichts als Politik im Kleinen.