Auf einem Schulatlas wird man sie vergeblich suchen: Rund zwanzig Kilometer östlich von Bornholm liegen die felsigen Satelliten mit dem drolligen Namen „Erbseninseln“. Offiziell erhielten sie die repräsentativen Namen „Christiansö“ und „Frederiksö“. Die Schären ringsum haben nur im Segelhandbuch einen Namen.

Landet man nach einstündiger Seefahrt mit der „Ertholm“ auf den Zwillingsinseln, ist der erste Eindruck befremdlich. Verließ man doch gerade die Weiden, Weinlauben und Feigenbäume Bornholms und scheint nun auf den Lofoten, den Färöer oder sonstwo im hohen Norden zu landen. Sie sind wirklich winzig, die Erbseninseln: Die größte ist 740 Meter lang und 430 Meter breit.

Auf der kleineren Insel Frederiksö, wo die „Ertholm“ anlegt, sieht man den gescheiterten Versuch, aus einem halben Dutzend Häuser eine Straße zu bilden. Und ohne Straße gibt es auch keine Autos. Da steht neben dem alten Fachwerkbau die nächste Hauswand aus unbehauenen Felsbrocken mit dicken Mörtelfugen – die Außenmauer der Festung, Felsen, dienen auch als Pflaster, in ihrer Mitte ein Laufsteg aus Platten. Hausgerät, Fischkisten, großväterliche Möbelstücke sind vor den Türen gelagert – drinnen ist’s wohl zu eng. Netze, Tanghaufen, Teerkessel, rostige Seile, verrottetes Tauwerk, Laternen, die einen Antiquitätenhändler begeistern würden, sind die rauhe Kulisse des Eilands. An die Vergangenheit erinnern tonnenschwere Anker, die so herumliegen, als sei unlängst eine Flotte hier gestrandet.

In nur wenige Schritte messenden Felsenkesseln, neben den in das holprige Gelände verstreuten Häuschen, vegetieren Gärten von rührender Ärmlichkeit, um dem Fels ein paar Küchenkräuter abzugewinnen. Es gab, als der Dänenkönig Christian V. sich diese Hungereilande als Seefestung erkor, keine Erde hier. Mit Schiffen kam sie von Bornholm herüber.

Kernig und rundbauchig überragt der „Lille Tarn“ die Brustwehr der festungsartig umgürteten Insel. Der „Kleine Turm“ ist noch mit den barocken Emblemen seiner Entstehungszeit dekoriert, zyklopisches Balkenwerk und die Kanonen und Kugelhaufen von Anno 1684 geben ihm bis heute ein martialisches Gepräge. Museum jetzt, Staatsgefängnis seit 1855, war er zuvor eine drohende Zwingburg gegen alle, die nach dem fetten Bornholm die Hand ausstreckten.

Eine Hängeschaukelbrücke führt den Schwarm der Besucher auf die größere Insel Christiansö. Hier gibt es auf einem hügeligen Hinterland viel Gebüsch und zerzauste Laubbäume, Ulmen, struppige Kastanien, überreichlich Flieder und kleine Teiche mit quakenden Fröschen. Dick wie Wale liegen überall Kanonenrohre. Oben auf der Inselfestung stehen ganze Batterien.

Eine Kasernenzeile im nüchternen friderizianischen Stil ist heute noch bewohnt. Hier leben knapp hundertfünfzig Menschen, meist Fischer oder Rentner.

Die Tagesbesucher erwartet immerhin ein Gartenrestaurant mit in den Fels gehauenen Terrassen, mit Sicht auf Frederiksö und den Graesholm. In der Saison besteht von Allinge, Svaneke und Gudhjem auf Bornholm regelmäßige Schiffsverbindung zu den nordisch-herben Eilanden mit ihrer barocken Festungslandschaft. Der „Store Tarn“ (Große Turm), der schießschartendurchlochte Festungsturm, ist nur von ausdauernden Treppenkletterern zu erobern. Von oben bietet sich ein malerisches, doch eigenwillig widerborstiges Ineinander von zerklüftetem Kriegsgemäuer und nordischer Schärenwelt, bis zum Horizont grünblau umspült vom Mare Balticum. Otto Kretschmer