Der Schweizer Finanzfachmann Rudolph J. Kaderli warnt vor falschen Börsenpropheten

Die Versuche, dem Geheimnis künftiger Aktienkursbewegungen auf die Spur zu kommen, sind so alt wie die Wertpapierbörsen selbst. Ein zuverlässiges Prognoseinstrument hat bisher aber noch niemand gefunden, auch nicht jene Wissenschaftler, die sich über komplizierte mathematische Formeln der Börsenzukunft zu nähern versuchen. Solange es Menschen gibt, deren Verhalten und Interessen den Aktienan- und -verkauf bestimmen, wird es immer wieder Überraschungen und deshalb auch niemals hundertprozent richtige Voraussagen über die Entwicklung der Börsenkurse geben.

Wenn Kaderli in seinem neuen Buch „Börsen-Erfolg“ (Fortuna Finanz-Verlag W. Heidelberger AG, Zürich, 55 DM) sich darüber mokiert, daß der Dow Jones – gängigster Index für amerikanische Aktien – zum Barometer, also zu einem Vorhersagevehikel abgestempelt wird, obwohl er nur ein Thermometer sein kann, hat er ebenso recht, wie jene Zweifler, die nicht daran glauben, daß sich aus den sogenannten Börsencharts künftige Kursbewegungen herauslesen lassen. Die Charts, zeichnerische Darstellungen vergangener Börsenbewegungen, zeigen lediglich auf, was gewesen ist. Sie sind ein Hilfsmittel für die Beurteilung einer Aktie, ebenso wie Untersuchungen und Prognosen über Gewinnentwicklungen einzelner Unternehmen.

Aber woran soll sich der Aktienanleger heute überhaupt noch orientieren? Kaderli, der seinem Buch den Untertitel „Modernes Anlageverhalten“ gegeben hat, setzt völlig auf das richtige Timing. Die Effektenbörse, so schreibt er, kann man höchstens auf sechs Monate voraussagen; langfristige Prognosen sind seiner Ansicht nach ein Unding. Gleichzeitig räumt er aber ein, daß die richtige Handhabung des Timing schwierig ist.

Man kann Kaderli zustimmen, daß beim Kauf einer Aktie in erster Linie ihre kurzfristig erzielbaren Gewinnchancen eine Rolle zu spielen haben. Die Zeiten, da der Aktionär am Wachstum der Wirtschaft über steigende Dividenden und Kurse automatisch teilnahm, sind längst vorüber. Der Aktionär muß sich auch von einer ihm ans Herz gewachsenen Gesellschaft trennen können, wenn er glaubt, daß ihre Kurse sinken werden.

Eines gelingt Kaderli allerdings auch nicht, nämlich ein Rezept aufzuzeigen, wann innerhalb des Timings der Punkt zum Ein- und Aussteigen kommt. Kaderli stützt sich bei seiner „Dritten Dimension“, wie er seine moderne Anlagephilosophie nennt, sehr stark auf Zinsbewegungen und die damit zusammenhängende Geldfülle und Geldknappheit. Den Schwankungen des Aktienmarktes liegen vorwiegend monetäre Bestimmungsfaktoren zugrunde, behauptet er.

Aber haben wir nicht gerade in der jüngsten Vergangenheit erlebt, daß Aktienmärkte von der Zinsentwicklung abgekoppelt blieben? Trotz Hochzinspolitik haben einzelne deutsche Aktien in der Vergangenheit ein kurssteigendes Eigenleben führen können, weil sie auf den Anlagelisten reicher Ölstaaten standen, die sich um die hohen Zinsen in der Bundesrepublik keinerlei Sorgen machten.