Von Sven Papcke

Soziologie und Historiographie sind zerstrittene Disziplinen. Seit den Angriffen Heinrich von Treitschkes, im vorigen. Jahrhundert haben Historiker die Soziologie bekämpft und deren akademische Einbürgerung bis 1919 verhindern können. Und dieser Zwist beeinträchtigte die Lernfähigkeit beider Fächer. Sperrte sich. die Historikerzunft gegen soziologische Denkweisen, so erlag die Soziologie nach und nach einer allseitigen Enthistorisierung. Dieser Vorgang hinderte sie am Ende auch an der Frage nach ihrer eigenen Vergangenheit. Bis heute gibt es daher weder eine lehrbuchreife „Geschichte der Soziologie“ noch sind wir über die Rolle der Soziologie im Wilhelminismus oder in Weimar ausreichend informiert – vom Dritten Reich oder der frühen Nachkriegszeit ganz zu schweigen.

Hier scheint sich nun ein Wandel anzubahnen, der bereits auf dem letzten Soziologentag 1980 in Bremen: sichtbar wurde. Neben der Hinwendung zur alltäglichen Lebenswelt war dort auch eine Wiederentdeckung, der Geschichte zu spüren Diese Entdeckerfreude bezieht die eigene Fachgeschichte mit ein, wie es die vorliegende Studie über die Frühzeit der Sozialforschung in Deutschland zeigt:

Irmela Gorges: „Sozialforschung in Deutschland 1872–1914. Gesellschaftliche Einflüsse auf Themen- und Methodenwahl des Vereins für Socialpolitik“; Verlag Anton Hain, Königstein/Ts. 1980; 539 S., 98,– DM.

Die Autorin betont die eher wissenschaftssoziologische Stoßrichtung ihrer Arbeit. Im Vordergrund steht die Frage, „ob die Erhebungsmethoden und -Instrumente wertneutrales Werkzeug zur Datenerfassung oder aber Vermittler gesellschaftlicher Zielsetzungen sind“. Diese Problemstellung tritt im Verlauf des Buches aber eigentlich an den Rand des Leserinteresses, denn auch, die Verfasserin bietet keine Lösung. Viel spannender wild dagegen die breite Detailschilderung von Theorie und Praxis der Sozialforschung im Rahmen des 1872 gegründeten „Vereins für Sozialpolitik“.

Sie verdeutlicht in bisher einzigartiger Weise, wie genau Entstehung und Ausbildung der Soziologie den Wandel praktischer Sozialprobleme widerspiegeln. Sozialforschung beziehungsweise Soziologie erweisen sich im Rückblick als eine Art „Theorie der Sozialpolitik“, deren wichtigste Aufgabe es nach dem Nationalökonomen Lujo Brentano war, „ohne Katastrophe“ die vom raschen Sozialwandel aufgeworfenen Konflikte zu meistern.

Die später eintretende „Verwissenschaftlichung“ der Sozialforschung, die sich 1909 in der Gründung einer eigenen „Gesellschaft für Soziologie“ niederschlug und fraglos zu einer gewissen Entfremdung des Faches von seinen sozialreformerischen Ursprüngen führte, hatte freilich andere als die von Frau Gorges hervorgehobenen Gründe. Es handelte sich dabei wohl weniger um eine generelle Absage an die Sozialpolitik im Interesse einer wissenschaftlichen „Neutralisierung“ als vielmehr um die Kritik der jüngeren Vereins-Generation (um Max Weber) am Leerlauf bloßer Appellationspolitik im Sinne von Gustav Schmoller – denn mit der Junkerherrlichkeit würde doch nur der ungehemmte „Marktnaturalismus“ fertig, so die Meinung der Gruppe um Weber. Die „Verwissenschaftlichung“ ihrerseits deutet dann einen zeitgenössischen Themenwechsel an. Vor allem dank der staatlichen Sozialpolitik schien das Drohpotential der Arbeiterfrage gemindert. Man konnte sich jetzt auch anderen als ausschließlich großsoziologischen Themen widmen. Die „Formalisierung“ der Soziologie durch Georg Simmel zur gleichen Zeit verdeutlicht diesen Themenwechsel.