ZDF, Sonntag, 20. September: „Homer und die Ilias“ (Schauplätze der Weltliteratur), Film von Guido Frei und Alfons Sinniger

Ärgerlich ist das schon, wenn in einem Bericht über die Schauplätze der homerischen Ilias die Peloponnes als derPeloponnes vorgestellt wird; ärgerlich, wenn das Epos in einer Weise nacherzählt wird, die den Zuhörer vermuten läßt, Homer sei kein kunstfertiger Poet und Rapsode, sondern ein auf action bedachter Geschichtenerzähler gewesen; ärgerlich, wenn plumpe Bild-Entsprechungen die Verse ins Bild setzen müssen: Wind und Meeresstille, Wellenbewegung und Flußbett-Struktur – heißa, wie rasch sich dergleichen in munterer Stimmungszeichnung auf den Bildschirm transportieren läßt; ärgerlich schließlich, wenn zur Demonstration von Sagenvorgängen neben Meisterwerken auch wahrhaft entsetzliche Schinken, Schreckenszeugnisse der historische Malerei, aus den Museen herbeigeholt werden.

Die Ilias im knappen Fernseh-Porträt nachzuzeichnen – der Versuch mißlang und mußte mißlingen: Die Beschränkung aufs Stoffliche (dilettantisch dazu – Gustav Schwab hätte sich vor Verzweiflung die Haare gerauft), das Absehen vom Ästhetischen (man tat, als hätte es nie eine homerische Frage, nie eine Debatte über Schriftlichkeit und Mündlichkeit, die Ilias betreffend, gegeben), der Verzicht auf die Darstellung jahrhundertelanger philologischer Bemühung um die Komposition des Werks – das alles rückte die, Ilias aus dem Blick. Dafür freilich gelang etwas anderes um so besser: die blitzartige, mit Hilfe eindrucksvoller Skizzen, Rekonstruktions-Zeichnungen und Aufnahmen vorgeführte Grabungs-Geschichte von Ilion-Troja. Was Schliemann erreichte und wo er irrte, wo Dörpfeld weitermachte und Biegen neu einsetzte: der Kampf um Troja, nicht der Griechen, sondern der Archäologen, wurde in einem ebenso illustrativen wie lehrreichen Kurz-Kolleg auf den Begriff gebracht.

Schliemanns Troja II aus dem dritten Jahrtausend, mit den Spuren einer Brandkatastrophe; Dörpfelds Troja VI, mit der Festungsmauer, deren Quader auf ein gewaltiges, die Stadt zerstörendes Erdbeben verweisen; Biegens bescheidenes Troja VII b, das Opfer einer Okkupation wurde: eine Viertelstunde lang erteilte der für die Sendung verantwortliche Produzent, Guido Frei, historischen Anschauungsunterricht, wie er sich spannender und plastischer nicht denken läßt – Homer allerdings blieb auch hier, so oft er zitiert wurde, als Artist unerkannt: er, der eine griechische Stadt des 8. Jahrhunderts, eine Stadt, wie er sie kannte, in die mykenische Zeit zurückverlegte und nicht etwa – so der Eindruck, den der Film erwecken mußte – das historische Troja mitsamt seinen Mauern im Gesang wieder aufleben ließ.

Und dann ein letztes: Es ehrt den Schweizer Autor des Films, daß er einer Landsmännin das letzte Wort überließ: Ein Schriftsatz der 1939 verstorbenen Maria Waser sollte das Fazit ziehen – ein Allerweltsatz leider nur. Im Fall Homer hätte, man am Ende vielleicht doch ein wenig höher greifen sollen – zu Goethe zum Beispiel: „Ich brauche Wiegengesang“, heißt es im Werther, „und den habe ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer.“ Momos