Nun darf die Guillotine endlich rosten. Die makabre Erfindung des Dr. Joseph-Ignace Guillotin aus den Tagen der Französischen Revolution, unter der seitdem Hunderte von Köpfen gerollt sind, wurde in der vorigen Woche von der Pariser Nationalversammlung zum Museumsstück degradiert. Mit großer Mehrheit beschlossen die Abgeordneten die Abschaffung der Todesstrafe; viele Gaullisten und Zentristen stimmten mit den Regierungsparteien.

Wenn es allerdings nach der Mehrheit der Franzosen ginge, dann hätte das Fallbeil noch lange nicht ausgedient. Die Anhänger der Todesstrafe haben sogar Zulauf bekommen: Zuletzt sprachen sich 62 Prozent der Bevölkerung gegen deren Abschaffung aus. Die Volksmeinung war es denn auch, die Mitterrands Vorgänger Giscard d’Estaing davon abgehalten hatte, das Problem im Parlament zur Debatte zu stellen, obwohl er gegen die Todestrafe war.

Da muß man schon den Mut des Abgeordneten Pierre Bas bewundern, der unverdrossen bei der alljährlichen Etat-Debatte den Antrag stellte, die Mittel für Unterhalt der beiden letzten Guillotinen zu streichen und damit Hinrichtungen hinterrücks zu stoppen. Freilich ist dieser Antrag nie zur Abstimmung gelangt, weil der Haushaltstrick unter der Würde des Parlaments lag.

François Mitterrand hatte sich schon vor seiner Wahl eindeutig gegen die Todesstrafe ausgesprochen. In seinem Justizminister Robert Badinter fand er einen engagierten Mitstreiter. Als Strafverteidiger hatte Badinter 1972 der Hinrichtung zweier seiner Klienten beiwohnen müssen; seitdem ist er ein bedingungsloser Gegner der Guillotine. Wie einst Victor Hugo, Georges Clemenceau und Aristide Briand focht er mit Bravour für seine Oberzeugung.

In den Jahren der Fünften Republik sind 53 Franzosen rechtskräftig zum Tode verurteilt worden; von ihnen wurden 17 hingerichtet, in den anderen Fällen machte der Staatspräsident von seinem Recht auf Begnadigung Gebrauch. Giscard ließ drei Hinrichtungen zu und unterzeichnete vier Gnadenakte.

Sechs Todeskandidaten, die noch auf ihre Hinrichtung warteten, haben nun im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf gerettet.

Klaus-Peter Schmid (Paris)