Schweiß rinnt ihnen von der Stirn. Die Hände tun weh von Hacke und Spaten. Aber die Schüler geben nicht auf. Stein um Stein muß aus dem harten Wiesenboden hinter dem Schulgebäude geholt werden, um einen ökologischen Schulgarten mit Hügelbeet, Vogeltränke und Wildwuchsgarten anzulegen. Hochrote Köpfe auch im Hof und in der überdachten Pausenhalle: Mit Hobel, Säge, Schmirgelpapier, Beize und Leim bauen Schüler Bänke und Blumenschalen, polieren sie alte Möbel vom Sperrmüll. Die Stimmung draußen und drinnen, auf Höfen in Klassen und Fluren signalisiert: Die erste Projektwoche einer Schule in Wuppertal, dem Gymnasium am Kothen, am Südhang oberhalb der Stadt, ist auf dem Wege zum Erfolg.

Schon vor Monaten war diese Sonderwoche geplant worden. Nach den Sommerferien sollte sie beginnen. Der Anlaß: Verspätungen, Unordnung, Zerstörungen, aggressives Rennen und Rempeln der Schüler im Schulgebäude hatten rapide zugenommen. Sämtliche Stühle mußten in diesen Ferien repariert werden. Ratlosigkeit im Kollegium, in der Konferenz. Eine neue Hausordnung? Neue Verbote? Die jüngeren Kollegen setzten dagegen den Versuch einer positiven Bewältigung der Situation: die Projektwoche.

In Gruppen nach Wünschen der Schüler aufgeteilt, sollten sie die Schule nach ihrem Geschmack eine Woche lang verändern und verschönern. Und zwar mit Aktionen, die über die einzelne Klasse hinaus der ganzen Schule nutzen sollten. "Stärkere Identifikation mit der Schule", "mehr emotionale Zustimmung für das Gebäude, aber auch für die Institution", so definierten die Lehrer die Ziele.

Gelernt werden mußte auch während der Projektwoche, von Lehrern ebenso wie von Schülern. Welcher Lateinlehrer kann schon Möbel bauen, welcher Philosophielehrer versteht sich auf Gartenkunde? "Manch einer von uns", sagt eine junge Geschichtslehrerin keuchend und kriecht unter einem Tisch hervor, "hatte es nicht leicht, aus seiner Rolle und über seinen Schatten zu springen. Es ist schwer zugeben zu müssen, daß man nicht alles kann." Das bestätigen die Schüler: "Sonst stehen die Lehrer immer groß und mächtig vor einem und wissen alles besser."

Dieses lernende Miteinander der 100 Pädagogen und 1500 Schüler aller Altersstufen, emsig, konzentriert, nicht gestört durch Pausenklingel, ohne Zensurendruck macht sichtbar und hörbar Spaß. "Ich sehe kein einziges mürrisches Gesicht", schwärmt der Direktor. "Ein ganz ungewohntes Bild: überall leuchtende Augen."

Von irgendwoher hört man Tanzmusik der zwanziger Jahre – "Laß mich dein Badewasser schlürfen" – als "Alternative zur Plastikmusik" von heute. "Oberhaupt keine Disziplinschwierigkeiten", meldet eine Lehrerin über den Flur, "und das mit 13jährigen!" "Unglaublich, wie intensiv sich gerade die, die sonst die großen Damen spielen, mit dem Möbelbau beschäftigen." Der Erdkundelehrer: "Die haben sogar den Lippenstift vergessen. Das passiert sonst nie." "Wie sie sich untereinander helfen", wundert sich der Lateinlehrer, "Kontaktschwierigkeiten scheint es nicht zu geben." Fast 90 verschiedene Gruppen rücken dem Projekt Schulverschönerung näher.

Blinder Aktionismus? Die Liste der Themen entkräftet den Verdacht: Jedes Projekt, das praktische wie das theoretische, vom Tapezieren bis zur Diskussion über Amnesty international, hat mit der Schule und den Schülern zu tun. Auch die Stadt Wuppertal mit Schwebebahn, Zoo, Rathaus, spektakulärem Friedrich-Engels-Denkmal wurde filmisch und photographisch miteinbezogen. Wuppertaler Bürgerinitiativen worden befragt und analysiert. Die Schule lebte ausnahmsweise einmal nicht zurückgezogen auf dem Berg, sondern entließ ihre Schüler in die Stadt.