Deutschland im Herbst: die neue Terrorwelle

Von Karl-Heinz Janßen, Josef Joffe und Gerhard Spörl

Unter Mitarbeit von Stefan Geiger (Heidelberg), Rolf-Peter Henkel (Stuttgart), Günter Hollenstein (Frankfurt) und Hans Schneller

Ziel, Ort und Diktion gehörten zum klassischen Repertoire: Wie vor neun Jahren, als die "Rote Armee Fraktion" erstmals den Mord zur Methode erhob, galt der Angriff dem "Zentrum" des "globalen imperialistischen Apparats", dem Hauptquartier der amerikanischen Europa-Armee in Heidelberg. Forderten die "realen Schritte der Revolution" im Mai 1972 das Leben von drei amerikanischen Soldaten, so sollten in der vorigen Woche der Oberbefehlshaber, General Frederick Kroesen, samt Frau, Adjutant und Fahrer sterben. Der Grund laut "Bekennerbrief": "Er ist einer der US-Generäle, die die imperialistische Politik in Westeuropa bis zum Golf real in der Hand haben."

Nur die Waffe war neu. Vor neun Jahren mußten noch schwerfällige, selbstgebastelte Bomben herhalten, um den "Kolonialstatus dieses Landes ernsthaft zu erschüttern". Diesmal war es eine handliche, gerade sieben Kilo schwere Panzerfaust sowjetischer Bauart – eine RPG-7, die zur Standardausrüstung revolutionärer Gruppen rund um die Welt zählt.

Manche Politiker hatten zu früh triumphiert. Zwar konnten die Staatsschützer seit dem Selbstmord der Stammheimer – Baader, Ensslin und Raspe – im Herbst 1977 spektakuläre Erfolge vorweisen. Groß- und "Raster"-Fahndung, Aussteiger und Überläufer ließen den "harten Kern" Monat für Monat zusammenschmelzen. Auf den Fahndungsplakaten in Banken, Postämtern und Tante-Emma-Läden zeugten immer mehr ausgekreuzte Gesichter vom Tod oder Arrest der Gejagten. Jetzt ist nur noch ein gutes Dutzend in Freiheit; sechsmal mehr sitzen hinter Gittern.

Aber schon Ende 1979 erkannte der Hamburger Verfassungsschutz: Die RAF ist wieder da. Hans Josef Horchem, der damalige Chef der Landesbehörde: "Wir waren drin in der Szene. Wir kannten Quantität wie Qualität der Rest-RAF." Aber auch er gibt zu: "Bis zum Herbst 1979 hatten wir praktisch keine Erkenntnisse."

Heute – allemal nach den Anschlägen von Heidelberg und Ramstein – steht fest, daß die Ruhepause nach den Stammheimer Selbstmorden eine Rückzugs- und Regenerationsphase war. Das Bundeskriminalamt erwartete seit dem Herbst 1980 irgendwann einen "großen Klops". Die baden-württembergischen Sicherheitsbehörden wußten, daß "Rot-Armisten" im Raum Heidelberg Fahrtrouten ausbaldowert und "Informationen über schwere Motorräder" gesammelt hatten.

Deutschland im Herbst: die neue Terrorwelle

Die RAF ging nach alter Manier vor: Sie hatte drei selbstfabrizierte Bomben (mit je 30 Kilo Sprengstoff) in einen gestohlenen VW 411 LE verfrachtet und das Gefährt (mit amerikanischer Militärnummer) auf dem Parkplatz des US-Luftwaffen-Hauptquartiers in Ramstein abgestellt. Zwei der Mordmaschinen detonierten am Montag, dem 31. August, um 7 Uhr 20; die Druckwelle schleuderte noch in 100 Metern Entfernung Menschen zu Boden. Aber die Bomben explodierten ein paar Minuten zu früh. "Gott sei Dank" – so ein Air Force-Sprecher – "gingen sie hoch, bevor die meisten Leute ihre Arbeit antraten." Man zählte 20 Verletzte.

Zwei Wochen später traf es wieder einen, der "die Anti-Guerilla-Kriegführung der USA in Westeuropa bestimmt": General Frederick Kroesen. Auch er hatte Glück, weil er sich ("reiner Zufall") in jenen gepanzerten Mercedes gesetzt hatte, den ihm die aufgeschreckten Deutschen erst in der vorigen Woche angedient hatten. Der General hatte an der Leihlimousine nur gedämpfte Freude: Sie war schlecht zu lüften und verursachte ihm Übelkeit.

Die RAF-Schützen trafen gut, aber doch nicht gut genug. Als der schwere Wagen am Morgen des 15. September vor einer Ampel auf der idyllischen Bundesstraße 37 am Neckar hielt, prallte die Hohlhaftladung einer RPG-7 (sie enthielt 2,5 Kilo Sprengstoff) auf den hinteren Holm neben der Rückscheibe, fiel auf die Straße und explodierte erst dort. Wäre sie in den Fonds eingedrungen, hätte sie, wie ein mörderisches Schweißgerät, die vier Insassen bei lebendigem Leib eineäschert. Kroesen: "Ich las meine Akten und hatte keine Ahnung, was da passierte."

Die Sowjet-Panzerfaust (Reichweite: maximal 300 Meter) war aus 200 Metern Entfernung abgefeuert worden – von einem dichtbewachsenen Steilhang, den Spaziergänger nie erklettern würden. Hier hatten die Attentäter die Nacht verbracht – davon zeugten Zelt, Schlafsäcke und Proviant. Und von mehr: von präzisem Timing, taktischer Intelligenz und professioneller Kaltblütigkeit. Wer aus solcher Entfernung einen Wagen trifft, dessen Silhouette viermal kleiner ist als die eines Panzers, hat lange geübt – und nicht in deutschen Kiesgruben. Die RAF hat ihre Ruhepause zu nutzen gewußt – vermutlich bei revolutionären Freunden im Nahen Osten.

Die neue Qualität ihrer "Kriegführung" hatte die RAF bereits demonstriert, als sie sich Ende Juni 1979 "mit einem großen Knall" zurückmeldete, der beinahe dem damaligen Nato-Oberbefehlshaber und heutigen US-Außenminister General Alexander Haig das Leben gekostet hätte: In der Nähe der belgischen Stadt Mons zündeten RAF-Terroristen ihre Sprengladung um Sekunden zu spät, als der Wagen des Generals vorbeifuhr. Haig hatte soviel Glück wie jetzt sein einstiger Untergebener Kroesen: Lediglich der Kofferraum wurde aufgerissen.

Als Täter meldete sich bald darauf ein "Kommando Andreas Baader" (alle RAF-Kommandos führen die Namen toter Genossen, ein Ritual, das von südamerikanischen und palästinensischen Terroristen übernommen wurde). Ihr Bekennerbrief strotzte von "antiimperialistischen" Losungen. Das Bundeskriminalamt zweifelte die Täterschaft an – allenfalls habe die RAF mit Terroristen der nordirischen Untergrundarmee IRA oder der baskischen ETA zusammengearbeitet. Doch die Sicherheitsexperten in Hamburg, seit Jahr und Tag erfahren in der "Vorfeldbeobachtung", hatten schon damals keinen Zweifel. Zu deutlich war die Handschrift der RAF zu erkennen: eine Tat mit hohem politischen Niveau; der Anspruch, ein Signal für ganz Westeuropa und die Völker der Dritten Welt zu setzen; technische Perfektion; gründliche Planung; Stolz auf die eigene Leistung, der es verbietet, unter dem Kommando ausländischer Terroristen zu dienen.

Bereits im Sommer 1980 hatte die RAF ihre alte Stärke wieder erreicht – von den zwanzig Guerilleros des harten Kerns sind ein Drittel Neuzugänge. Sie stützen sich auf 150 bis 200 Sympathisanten, den sogenannten legalen Arm der RAF. Diese Unterstützer verstecken sich nicht und arbeiten besonders in den "antifaschistischen Gruppen", die sich auf die Städte Berlin, Hamburg, Wuppertal, Bochum, Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Mannheim, Heidelberg und Stuttgart verteilen. Sie machen Propaganda für die RAF, helfen den Gefangenen und deren Angehörigen, übernehmen als – im Polizeijargon "Offiziere" Kurier- und Kundschafterdienste, besorgen Wohnungen. Hier, findet die-Guerilla ihren Nachwuchs – kurz vor dem Ramsteiner Anschlag waren im Südwesten wieder ein paar "Legale" untergetaucht.

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Die Kerngruppe bleibt so klein, weil sie nach ihrem Selbstverständnis Elite sein will. Aber wohl auch, weil enorme Unterhaltskosten für die Wohnungen, einen ganzen Fuhrpark mit Autos und Motorrädern und gelegentliche Flüge durch Europa oder in den Nahen Osten aufgebracht werden müssen. 1979 war die RAF so knapp bei Kasse, daß sie zum alten Mittel der "Enteignung" (sprich: Bankraub) greifen mußte. Die Ausbeute bei den Überfällen in Nürnberg, Darmstadt und Zürich war eher mager. Inzwischen haben jedoch Überläufer von der Konkurrenz-Guerilla "2. Juni", die sogenannten Internationalisten, die "Kriegskasse" der RAF mit (geschätzten) zwei Millionen Mark wieder aufgefüllt. Soviel war übrig geblieben von den 4,5 Millionen Lösegeld, das 1977 für den entführten Wiener Strumpffabrikanten Palmers gezahlt wurde. In den einzelnen Kommandos wird seither streng Buch geführt: Jeder Besuch beim Friseur, jede Zahnarztbehandlung, alle Haushaltsanschaffungen, jeder Küchenposten muß abgerechnet werden.

Das Infosystem, das die Gefangenen in den verschiedenen Haftanstalten verbindet, ist wieder aufgebaut – beim Hungerstreik im Frühjahr 1981 wurde es offenkundig. Auch die Logistik funktioniert besser denn je – Frankreich dient als Hinterland, dort finden die Terroristen Unterschlupf und Depots. Als die französische Polizei Anfang Mai 1980 im Pariser Quartier Latin fünf mutmaßliche deutsche Terroristinnen verhaftete, entdeckte sie in den konspirativen Wohnungen unter anderem Munition, elektronische Zünder und zweihundert Pfund Natriumchlorat (die gleiche Substanz wurde auch für die Bomben in Ramstein verwendet). Es traf also zu, was der "Aussteiger" Hans-Joachim Klein – der für die "Revolutionären Zellen" beim Überfall des "Carlos"-Kommandos auf die Erdölminister in Wien 1975 dabei war – Anfang November 1980 im Spiegel über die RAF geschrieben hatte: "Für ein paar Kugeln oder auch ’ne Sprengladung könnte die Power wohl noch reichen."

Aber läßt sich die RAF vom Herbst 1981 noch mit der RAF des Terrorsommers 1972 oder des "deutschen Herbstes" 1977 vergleichen? Was ist von der Idee einer Stadtguerilla übriggeblieben?

Die "Rote Armee Fraktion", der radikalste Ableger der Studentenrevolte in den sechziger Jahren, datiert ihre Geburt auf den 14. Mai 1970. An diesem Tag befreite eine Gruppe, angeführt von der Publizistin Ulrike Meinhof und dem Rechtsanwalt Horst Mahler, den Kaufhausbrandstifter Andreas Baader mit Waffengewalt aus der Haft. Der entscheidende Schritt in die Kriminalität war getan – die erste deutsche "Stadtguerilla" hatte der Bundesrepublik den Krieg erklärt. Sie verstand sich als Teil einer weltweiten Aufstandsbewegung gegen den amerikanischen Imperialismus.

Die Strategie zimmerte man sich aus den Lehren des Partisanen-Feldherrn Mao Tse-tung und südamerikanischer Stadtguerilleros zusammen, versetzt mit Anleihen bei Marx und Lenin, bei Blanqui und Bakunin. Fernab der Realität vermeinten diese Anfänger allen Ernstes, sie würden den Vietcong – durch ihre Sprengstoffanschläge im Mai 1972 gegen das Hauptquartier des 5. Korps der US-Armee in Frankfurt und gegen das US-Hauptquartier in Heidelberg – zum Sieg über die Amerikaner verhelfen, zugleich aber in der Bundesrepublik, nach einem Wort "Che" Guevaras, ein "neues Vietnam" schaffen.

Die Theoretiker der Gruppe hatten die aberwitzige Vorstellung, sie könnten durch den gezielten Terror allmählich ganze Stadtviertel unter ihre Kontrolle bringen (ähnlich den "befreiten Gebieten" in der Türkei vor dem Militärputsch). Dort würden dann die Guerilleros, getragen von der Sympathie des von aller Unterdrückung befreiten Volkes, wie Fische im Wasser schwimmen.

Die Raserei des Eigendünkels

Deutschland im Herbst: die neue Terrorwelle

Die Angriffsziele der RAF sind, trotz veränderter Bedingungen, unverrückt dieselben geblieben, die Ulrike Meinhof am 13. September 1974 in ihrer hektischen Sprache im Gerichtssaal so umrissen hat: "Vernichtung des Imperialismus militärisch heißt im internationalen Rahmen: der Militärbündnisse des US-Imperialismus rund um die Erde, hier: der Nato und Bundeswehr; im nationalen Rahmen: der bewaffneten Formationen des Staatsapparats, die das Gewaltmonopol der herrschenden Klasse, ihre Macht im Staat verkörpern – hier: Polizei, BGS (Bundesgrenzschutz), Geheimdienste; ökonomisch heißt: der Machtstruktur der multinationalen Konzerne; politisch heißt: der staatlichen und nichtstaatlichen Bürokratien, Organisationen und Machtapparate – Parteien, Gewerkschaften, Medien – die das Volk beherrschen." Getreu dieser Richtlinie heißt es denn auch im Bekennerbrief des "Kommandos Gudrun Ensslin", das den General Kroesen attackierte: "Alle Kämpfe für Lebensbedingungen in allen Bereichen als antiimperialistischen Kampf führen, also zur Front bringen!"

Priorität bei den Kommandos hat zur Zeit zwar der militärische Angriff gegen die Amerikaner, aber die anderen Themen Ulrike Meinhofs haben sie ebenfalls "drauf". "Perspektivlosigkeit, Entfremdung, die Entmenschlichung der Arbeit ... die Vernichtung der Lebensbedingungen durch Atomindustrie, Chemie, Beton" – so steht es im Bekennerbrief des Kommandos "Sigurd Debus". Die RAF bringt für jeden etwas – auch für die Verweigerer, die Ausgeflippten, die Aussteiger, die arbeitslosen Jugendlichen, die Randgruppen, und jedem verspricht sie Befreiung durch den bewaffneten Kampf.

Analytiker und Politiker fassen zu kurz, wenn sie der RAF jegliche Ideologie absprechen und statt dessen puren Aktionismus und blindwütige Gewalt erblicken. Die jungen Militanten im Herbst 1981 haben die Theorie hinter sich gelassen, weil – sie ihrer gewiß sind. Sie bewegen sich in dem Denkgehäuse, das ihnen Ulrike Meinhof und (der längst an anderem Nektar saugende) Horst Mahler errichtet haben: Es gibt ihnen das Gefühl der Sicherheit, jene Selbstgerechtigkeit, ohne die sie, ein Häuflein klein, es niemals mit dem Staat und aller Welt aufnehmen könnten. Horst Mahler hat, im nachhinein, diesen Zustand mit einem Hegelwort beschrieben: "Das Herzklopfen für das Wohl. der Menschheit schlägt um in die Raserei des Eigendünkels."

Als die Gründergeneration der RAF hinter. Schloß und Riegel saß – die Gruppe war 1972 rasch von der Polizei zerschlagen worden –, meinte Ulrike Meinhof, immer noch in Selbsttäuschung befangen: "Wir haben eine gewisse Ermutigung für die Linke dargestellt, die freilich wieder den Bach runtergegangen ist, weil sie uns alle verhaftet haben." Die wie Köpfe einer Hydra nachwachsende zweite und dritte Generation der Guerilla verkam in den folgenden Jahren (beim blutigen Anschlag auf die Stockholmer Botschaft im April 1975 und in der Mordserie 1977) zur reinen "Gefangenenbefreiungsbewegung" – ohne Erfolg, da sich die Bundesregierung nicht erpressen ließ.

Die Jungguerilla brauchte einige Zeit, um den Doppelschock von Mogadischu und Stammheim zu verarbeiten. Die Restkommandos draußen mußten sich vom "Gefängnisflügel" vorhalten lassen, sie hätten, als sie die Entführung der "Landshut" durch palästinensische Terroristen billigten, gegen einen Grundsatz der RAF verstoßen, nie und nimmer gegen das Volk zu handein. Hier und da begann die Gruppe zu zerbröckeln.

Von dieser inneren Krise der RAF erfuhr die Öffentlichkeit vor einem Jahr Zum erstenmal durch Hans-Joachim Klein, diesen verläßlichen Chronisten des Untergrundes. Er habe Nachfolger gefunden: Susanne Albrecht und Peter-Jürgen Boock aus der zweiten RAF-Generation hätten gleich ihm die Waffe niedergelegt und seien "ab in die Büsche". Von ihnen erwartete sich Klein Unterstützung bei jener Aufgabe, die er sich vor vier Jahren selbst gestellt hat: Gemäß der Einsicht, daß die Gruppen nur von innen zerbrechen können, sollten sich desillusionierte Aussteiger an die Öffentlichkeit wenden, über ihre Erfahrungen mit der Guerilla erzählen und potentiellen Nachwuchs vom Abtauchen in die Illegalität, abhalten.

Schneller als erwartet wurde Klein in seiner ihm eigenen Öffentlichkeitsarbeit imitiert. Boock konnte sich nur ein Jahr zwischen allen Fronten behaupten. Vor acht Monaten stellten ihn Terroristen-Fahnder der Hamburger Polizei – der vorläufig letzte große Fang, denn Boock soll 1977 beim Ponto-Mord, bei der Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer und beim mißglückten Raketenangriff auf die Bundesanwaltschaft dabeigewesen sein. Boock schlug in der Haft Kleins "dritten Weg" ein: Nicht zum "Verräter", zum Kronzeugen in künftigen RAF-Prozessen wollte er werden; wohl aber geplante Anschläge verhindern.

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"Pharaonengrab" in Heidelberg

Dazu bediente er sich jenes Mediums, auf das auch Klein vorzugsweise zurückgreift. Boock weigerte sich strikt, vor den Ermittlungsbehörden auszusagen; statt dessen gab er im Spiegel einen bevorstehenden Anschlag preis: Bei einem deutsch-amerikanischen Ball mit hohen Militärs – in Heidelberg sollten sämtliche Gäste als Geiseln

genommen werden. Das Unternehmen sei als "finale Aktion" deklariert, weil die RAF selber nicht mit einem Erfolg rechne: "Es ist einkalkuliert worden, daß das gesamte Kommando dabei draufgeht." Wie 1977 in Stammheim solle 1981 in Heidelberg ein Fanal gesetzt werden: Mobilisierung einer neuen Terroristen-Generation durch kollektiven Selbstmord.

Doch das Bundeskriminalamt zeigte sich wenig beeindruckt. Es hatte sich nämlich seit einigen Monaten ohnehin auf das "Operationsfeld Heidelberg" eingestellt,, weil es Erkenntnisse besaß, neben denen die "finale Aktion" zum Planspiel unter vielen verblaßte. Was war geschehen?

In den frühen Morgenstunden des 25. Juli 1980 prallte auf einer Landstraße bei Bietigheim im Raum Stuttgart/Heilbronn ein VW Golf auf einen Lkw. Beide Insassen waren sofort tot: die als Terroristin gesuchte Juliane Plambeck und ihr Begleiter, der RAF-Genosse Wolfgang Beer. Offensichtlich waren sie auf dem Weg zu einer großen Aktion – in den Trümmern des Pkw fanden sich Waffen, Zelte und präparierte Nummernschilder für acht Autos. Im ersten Moment kam der Verdacht auf, der geplante Anschlag habe vielleicht dem in der Nähe wohnenden Generalbundesanwalt Kurt Rebmann gegolten. In einem Nachruf auf die beiden Toten beteuerte jedoch die RAF: "Rebmann interessiert uns jetzt nicht und "Wir haben auch nicht vor, Schmidt in die Luft zu jagen."

Erst im Oktober kam das BKA dem Rätsel auf die Spur. in Heidelberg entdeckte die Polizei eine Einzimmerwohnung, die von Juliane Plambeck unter falschem Namen für drei Monate angemietet worden war und mehreren Top-Terroristen als Durchgangsstation diente. Den Fahndern fiel in dieser Wohnung so reichliches Material in die Hände, daß sie nur noch vom "Pharaonengrab" sprechen. Von unschätzbarem Wert ist ein verschlüsseltes "Strategie-Papier", in dem eine "OFF. auf verschiedenen Ebenen" gefordert wird: "auf der mil. gegen US-Armee und BUWE (Basen)" – OFF steht für Offensive, BUWE für Bundeswehr.

Daneben lagen Skizzen und Karten von Heidelberg, vom Nato-Flugplatz Ramstein in der Pfalz und von den Hammonds Barracks der amerikanischen Armee in Mannheim. An jenem Julimorgen sollte anscheinend der Mannheimer Stützpunkt überfallen werden, denn am selben Tage verschwand eine deutsche Angestellte, die bei den Amerikanern gearbeitet hatte, auf Nimmerwiedersehn. Erst jetzt, nach dem Attentat auf General Kroesen, lesen die BKA-Beamten einen Satz in dem Strategie-Papier, der ihnen lange unverständlich geblieben war, mit wissenden Augen "Bei den derzeitigen Kräften wird man das Mittel so unkompliziert wie möglich halten müssen, wie bei Krö." Ein Hinweis auf General Kroesen? Er saß damals noch nicht in Heidelberg, sondern, als gleichzeitiger Befehlshaber der Nato-Heeresgruppe Mitte (Centag), in Mannheim – in den Hammonds Barracks.

Deutschland im Herbst: die neue Terrorwelle

Alarmiert zeigten sich die Kriminalbeamten, erst recht, als sie die Namen entschlüsselten, die in das von Ulrike Meinhof vorgegebene Raster des "antiimperialistischen Kampfes" eingesetzt waren. Da ist die Rede von einer politischen Offensive "gegen die SPD (Zwerg – gemeint ist der Bundeskanzler – Wischnewski, Apel, Ehmke usw. usw.), nicht zu vergessen in 2. Linie wie Bölling – damals noch Bundespressechef – oder Corterier – Bundestagsabgeordneter –, geradezu unerschöpflich auf der öec. gegen Multis, Figuren wie Möller und Schiller" – die einstigen Wirtschaftsminister.

Der Ärger, den Bundesinnenminister Baum Nachbarn im Kleingartenverein mit seinem verwilderten Schrebergarten bereitete, erklärt sich unter anderem aus diesem Papier: "Baum hat einen Schrebergarten in der Kammer, der Punkt, wenn man es weiß, vielleicht die Falle gemütlich und unkompliziert zuschnappen."

Es fragt sich, warum die "Rote Armee Fraktion" mit ihrer Offensive nach dem Unfall von Bietigheim noch über ein Jahr gewartet hat. Ein Grund dafür war vielleicht die "Fahndungspanne", die kurz vor der Bundestagswahl ruchbar wurde: Verfassungsschützer hatten im März 1980 das steckbrieflich gesuchte RAF-Paar Adelheid Schulz und Christian Klar tagelang beschattet. Ebenso könnten Boocks Erzählungen der Grund gewesen sein. Hatte sich die Guerilla ins Bockshorn jagen lassen?

Die Anschläge von Ramstein und Heidelberg belegen jedoch, daß die Vermutung, Terroristen gingen überhaupt kein Risiko mehr ein, revidiert werden muß Mag die Logistik umgestellt und der ursprüngliche Plan modifiziert worden sein – am einmal gefaßten Konzept hält die RAF hartnäckig fest. Diese Planungstreue grenzt ans Groteske. Bereits im Juni hatten die Bewacher General Kroesens ein Motorradpaar beobachtet, das die Fahrtroute des Nato-Militärs ausspähte. Die Nummer des Motorrads tauchte in den Unterlagen zweier Heidelberger "Antifa"-Leute auf, die man bereits im April verhaftet hatte. Beide Pannen hielten das "Kommando Gudrun Ensslin" nicht davon ab, kaltblütig Tag und Stunde des Attentats abzuwarten.

Auch wenn der Aussteiger Boock einen Plan verraten hat – die Strategie der RAF hat er nicht durcheinandergebracht, wohl aber deren Dramaturgie. Das Interview, in dem er den Anschlag auf das Heidelberger Schloß ankündigte, erschien im Februar, also mitten im Hungerstreik: 30 RAF-Gefangene protestierten gegen "Isolationsfolter und Hochsicherheitstrakte". Der radikalen Linken wollte die RAF das Bild von den "gefolterten und geschundenen Gefangenen" vor Augen halten, "die von der Justiz nach wissenschaftlichen Methoden langsam zerstört werden". Das Kalkül: Je härter und unnachgiebiger Politik und Justiz reagieren, desto leichter lassen sich neue Kader rekrutieren und Sympathisanten mobilisieren.

Für die RAF geriet der zehnwöchige Hungerstreik zum Fiasko. Boock hat dazu beigetragen, seine RAF-Interna wirkten in der Subkultur verheerend. Nach seiner Beschreibung blieb nichts übrig von der "sicheren, angstfreien und lebensfrohen Avantgarde", in der eigene Gesetze herrschen. Selbstkritik und politische Analyse, so Boock, finden längst nicht mehr statt; die meisten Gruppenmitglieder sind vom Herrschaftswissen ausgeschlossen; die eigenen Gesetze der Gruppe, das sind Angst und Mißtrauen; in der jahrelangen Illegalität ist die RAF wirklichkeitsfremd geworden. Die Stadtguerilla als Opfer ihrer eigenen Ideologie: Einmal im Schützengraben für die falsche Sache, habe sie keine Chance, da wieder rauszukommen.

Boocks Anschauungsunterricht wirkte demoralisierend. "Spontis" und "Sympis" ließen sich diesmal nicht davon überzeugen, daß "nur in der Illegalität und im bewaffneten Kampf Leben hier möglich ist"; einig mit der RAF im Haß auf die bürgerliche Gesellschaft, schreckten sie doch vor der letzten Konsequenz zurück. Sie beließen es beim Kampf mit dem Flugblatt.

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Die finale Aktion ereignete sich dann nicht im Heidelberger Schloß, sondern im Hamburger Haftkranikenhaus. Dennoch wurde der Hungertod von Sigurd Debus als Symbol verstanden: Längst war abzusehen gewesen, daß die Kampagne gegen den Rechtsstaat sinnlos geworden war. Dennoch blieb das Zeichen zum Abbruch aus. Obwohl Sigurd Debus nie zum RAF-Kader gehört hatte, versuchten die Terroristen halbherzig, seinen Tod zum Fanal aufzubauschen.

Nach Sigurd Debus benannte sich jenes Kommando, das die Bomben in Ramstein legte – ein schwächlicher Versuch, sich bei der radikalen Linken zu rehabilitieren. Die terroristischen "Revolutionären Zellen" übten denn auch vernichtende Kritik an der RAF-Taktik: Die Ziele des Hungerstreiks – Kriegsgefangenen-Status und Zusammenlegung in Gruppen – seien illusionär gewesen – vielleicht um einen Märtyrer zu bekommen? Zynisch sei dann der Tod eines "Typen aus dem zweiten Glied" inszeniert worden.

Anders, aber ebenso unerbittlich argumentierten die "Autonomen", die nach dem Vorbild der italienischen Roten Brigaden alle Gefangenen politisieren wollen: "Unter der Prämisse des finalen Hungerstreiks, wie ihn die RAF-Gefangenen begonnen hatten, wäre aber doch konsequenterweise zu erwarten gewesen, daß beim Tode von Sigurd Debus der Hungerstreik erst recht fortgesetzt werden würde. Tatsache ist, daß RAF-Gefangene sich schon drei Wochen vor dem Tod von Sigurd per Infusion ernähren ließen ... Der Hungerstreik der RAF-Gefangenen hatte am Schluß nichts Heroisches mehr, er endete im Deal und im Verscheißern sowohl der übrigen Gefangenen drinnen wie auch der Unterstützer draußen."

Die Kritiker konnten sich auf einen Kronzeugen aus der RAF berufen. Stefan Wisniewski – angeklagt wegen der Teilnahme am Stockholmer Attentat 1975 – brach den Hungerstreik fast mit der gleichen Begründung ab: "Jemand anderen ins offene Messer laufen zu lassen: obwohl man’s selber falsch findet, an dieser politischen Stoßrichtung zu eskalieren, ist nicht weniger verantwortungslos, als wenn’s einen unmittelbar selbst betrifft."

Die Neugier auf die Guerilla, die Faszination des konspirativen Lebens, hat stark nachgelassen. Die linke Szene distanzierte sich in den letzten Jahren zusehends von der RAF. Ihr Militarismus, die Affinität zu Lenins Berufsrevolutionären und ihre preußische Einteilung in Einheiten und Kommandos mit ihren Depots, einer Infra- und Kampfstruktur, hat sich überlebt. Bei ihrer Generalabrechnung in der Hamburger alternativen Zeitschrift Große Freiheit warfen die "Revolutionären Zellen" der RAF im Frühjahr vor, sie sei schon seit Mogadischu am Ende und wehre sich nur noch borniert gegen diese Einsicht. Weil sie Illegalität zum Prinzip mache, halte sie sich fern von allen "konkreten, sozialen, und politischen Auseinandersetzungen". Ihre Vermessenheit habe sie im Hungerstreik demonstriert, als die RAF-Gefangenen für sich den Sonderstatus forderten: "Eine Großmäuligkeit, die sich per Selbstdeklaration auf dem Papier ... zum Nabel des Widerstands in den Metropolen und zum Hauptfeind des westlichen Imperialismus emporstilisiert."

"Autonome" und "Revolutionäre Zellen" sind, im Gegensatz zur RAF, bei Hausbesetzern, Spontis und militanten Kernkraftgegnern heimisch geworden. Sie sind nicht straff und autoritär, sondern in kleinen, voneinander unabhängigen Gruppen organisiert. Sie orientieren sich vorwiegend an Italiens Roten Brigaden und betrachten die Gefangenen, überhaupt alle Deklassierten als ihre Klientel.

Ein Arbeitspapier der "Autonomie Hamburg" gibt die Begründung: den Gefängnissen, so die Logik, wird der gewöhnliche Kriminelle zum Sozialrebellen, weil er erkennt, daß er ein Opfer der inhumanen Gesellschaft ist und daß Gefängnisse politische Bedeutung haben: Rebellion zu unterdrücken. Die "Knäste" sind ein Modell der gesamten Gesellschaft: Wie in öden Neubausiedlungen würden die Menschen voneinander isoliert, damit sie besser unter Kontrolle gehalten werden können.

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Für "Autonome" und "Revolutionäre Zellen", die diesen Bewußtseinsprozeß leisten wollen, ist es nicht mehr notwendig, in die Illegalität abzutauchen; sie knüpfen eher an die "umherschweifenden Haschrebellen" von Anfang der 70er Jahre in Berlin an, behalten ihre bürgerliche Scheinexistenz bei und greifen – vor allem die "Revolutionären Zellen" – nach Feierabend zum kleinen Brandsatz. Sie hängen sich dabei vorzugsweise an Protestaktionen gegen Preiserhöhungen und gegen die Räumung besetzter Häuser. Auch viele Anschläge (siehe Kasten) gegen das US-Militär gehen auf ihr Konto. Weil sie eine eigene Basis gefunden haben, lehnen sie den Führungsanspruch der herrischen RAF vehement ab.

Am Selbstgefühl der RAF hat die Kritik aus der Szene indes nicht genagt. Die "Revolutionären Zellen" machen sich darüber keine Illusionen: "Die RAF ist und bleibt die einzige Metropolenguerilla, die die Illegalität proklamiert." Sie überließ es ihrem "legalen" Zweig, den Hungerstreik zu rechtfertigen und den "Verräter" Boock zu denunzieren. Wie ihre "neue Offensive" zeigt, hält sie am anarchistischen Aktionismus fest: Überzeugender als alle Theorie ist die Tat. Für die zögernden und unsicher gewordenen Anhänger sind die Anschläge von Ramstein und Heidelberg als politische Schulung gedacht, als schlagender Beweis, daß der scheinbar überlebensgroße Feind gegen eine entschlossene revolutionäre Organisation ohnmächtig ist. Die Botschaft wurde schon im Februar beim Hungerstreik formuliert: "Wenn die militante Linke sich aneignet, was der Imperialismus in seinen Niederlagen immer wieder erfahren mußte: daß seine Macht dort endet, wo seine Gewalt nicht mehr abschreckt, hat sie das ganze Geheimnis seiner Unbesiegbarkeit gelöst."

Diese Strategie – politisch-militärische Einheit von illegaler und legaler RAF und den Gefangenen – wurde bereits im letzten Jahr lauthals propagiert, Mitte Juli bei der "Antifaschistischen Aktionswoche" in Hamburg: eine klare Absage sowohl an die Gewaltlosen von Gorleben ("Die Ideologie der Gewaltfreiheit ist genau die Ideologie der Herrschenden") als auch an die Masse der Krawallmacher beim Feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr im Bremer Weserstadion ("Mit Steinen läßt sich die Nato nicht zerschlagen"), und ein ebenso klares (öffentliches!) Bekenntnis zur illegalen, bewaffneten Aktion gegen "die Schaltzentralen und Köpfe des imperialistischen Machtapparats". Die Parole "Krieg dem imperialistischen Krieg" müsse man mit Inhalt erfüllen, "nicht nur gegen die Amis, sondern auch gegen die SPD-Regierung", die in der RAF-Ideologie als europäisches Vollzugsorgan des amerikanischen "Uaterdrückungsapparates" ihren festen Platz hat.

Die Friedensbewegung gibt dafür nur die Kulisse ab. Aber die kommenden Friedensdemonstrationen könnten zur erhofften innenpolitischen Eskalation beitragen, auf welche die RAF schon seit einem Jahrzehnt hinarbeitet. Wenn die Polizei auf die falschen Köpfe einschlägt, wenn die Justiz zu Repressionen greift und wenn mancher Protestant an der Folgenlosigkeit seiner Demonstrationen irre wird dann könnte die Stadtguerilla neuen Zulauf bekommen.

Politisch ist die Friedensbewegung für die RAF völlig unattraktiv, ebenso wie vorher schon die Hausbesetzer und die Kernkraftgegner. Sie beabsichtigt keineswegs, sich einzureihen und sei es als deren militärische Speerspitze. Es ist aber auch naheliegend, daß sich die Friedensbewegung nicht durchsetzen darf: Ließen sich die Politiker von deren Gewaltlosigkeit beeindrucken, hätte ja die militante Linke in der Bundesrepublik ausgespielt.

Ungerührt von Zweck und Ziel der Friedensbewegung führt die RAF ihre eigenen Pläne durch. Die Anschläge von Ramstein und Heidelberg sind für die inhaftierten Genossen Signal zu einem neuen Hungerstreik. Der Angeklagte Rolf Heißler, Terrorist der ersten Generation, nutzte den Beginn seines Prozesses zur Proklamation. Waltraud Boock, die in Wien wegen der Palmers-Entführung einsitzt, hat in einem Erfahrungsbericht schon den Bogen zwischen RAF und US-Imperialismus geschlagen: "Die Bedingungen meiner Internierung sind ein exemplarisches Beispiel für den fortschreitenden Prozeß der reaktionären Integration unter der Hegemonie der BRD/USA."

Parallel zur Bonner Friedensdemonstration am 10. Oktober werden die RAF-Gefangenen die "Mordversuche der Justiz durch Isolationsfolter" an den Pranger stellen. Und auf dem Höhepunkt des deutschen Herbstes steht jener "doppelte Nach-Schlag" an, der im Frühjahr ausblieb. •