Die RAF ging nach alter Manier vor: Sie hatte drei selbstfabrizierte Bomben (mit je 30 Kilo Sprengstoff) in einen gestohlenen VW 411 LE verfrachtet und das Gefährt (mit amerikanischer Militärnummer) auf dem Parkplatz des US-Luftwaffen-Hauptquartiers in Ramstein abgestellt. Zwei der Mordmaschinen detonierten am Montag, dem 31. August, um 7 Uhr 20; die Druckwelle schleuderte noch in 100 Metern Entfernung Menschen zu Boden. Aber die Bomben explodierten ein paar Minuten zu früh. "Gott sei Dank" – so ein Air Force-Sprecher – "gingen sie hoch, bevor die meisten Leute ihre Arbeit antraten." Man zählte 20 Verletzte.

Zwei Wochen später traf es wieder einen, der "die Anti-Guerilla-Kriegführung der USA in Westeuropa bestimmt": General Frederick Kroesen. Auch er hatte Glück, weil er sich ("reiner Zufall") in jenen gepanzerten Mercedes gesetzt hatte, den ihm die aufgeschreckten Deutschen erst in der vorigen Woche angedient hatten. Der General hatte an der Leihlimousine nur gedämpfte Freude: Sie war schlecht zu lüften und verursachte ihm Übelkeit.

Die RAF-Schützen trafen gut, aber doch nicht gut genug. Als der schwere Wagen am Morgen des 15. September vor einer Ampel auf der idyllischen Bundesstraße 37 am Neckar hielt, prallte die Hohlhaftladung einer RPG-7 (sie enthielt 2,5 Kilo Sprengstoff) auf den hinteren Holm neben der Rückscheibe, fiel auf die Straße und explodierte erst dort. Wäre sie in den Fonds eingedrungen, hätte sie, wie ein mörderisches Schweißgerät, die vier Insassen bei lebendigem Leib eineäschert. Kroesen: "Ich las meine Akten und hatte keine Ahnung, was da passierte."

Die Sowjet-Panzerfaust (Reichweite: maximal 300 Meter) war aus 200 Metern Entfernung abgefeuert worden – von einem dichtbewachsenen Steilhang, den Spaziergänger nie erklettern würden. Hier hatten die Attentäter die Nacht verbracht – davon zeugten Zelt, Schlafsäcke und Proviant. Und von mehr: von präzisem Timing, taktischer Intelligenz und professioneller Kaltblütigkeit. Wer aus solcher Entfernung einen Wagen trifft, dessen Silhouette viermal kleiner ist als die eines Panzers, hat lange geübt – und nicht in deutschen Kiesgruben. Die RAF hat ihre Ruhepause zu nutzen gewußt – vermutlich bei revolutionären Freunden im Nahen Osten.

Die neue Qualität ihrer "Kriegführung" hatte die RAF bereits demonstriert, als sie sich Ende Juni 1979 "mit einem großen Knall" zurückmeldete, der beinahe dem damaligen Nato-Oberbefehlshaber und heutigen US-Außenminister General Alexander Haig das Leben gekostet hätte: In der Nähe der belgischen Stadt Mons zündeten RAF-Terroristen ihre Sprengladung um Sekunden zu spät, als der Wagen des Generals vorbeifuhr. Haig hatte soviel Glück wie jetzt sein einstiger Untergebener Kroesen: Lediglich der Kofferraum wurde aufgerissen.

Als Täter meldete sich bald darauf ein "Kommando Andreas Baader" (alle RAF-Kommandos führen die Namen toter Genossen, ein Ritual, das von südamerikanischen und palästinensischen Terroristen übernommen wurde). Ihr Bekennerbrief strotzte von "antiimperialistischen" Losungen. Das Bundeskriminalamt zweifelte die Täterschaft an – allenfalls habe die RAF mit Terroristen der nordirischen Untergrundarmee IRA oder der baskischen ETA zusammengearbeitet. Doch die Sicherheitsexperten in Hamburg, seit Jahr und Tag erfahren in der "Vorfeldbeobachtung", hatten schon damals keinen Zweifel. Zu deutlich war die Handschrift der RAF zu erkennen: eine Tat mit hohem politischen Niveau; der Anspruch, ein Signal für ganz Westeuropa und die Völker der Dritten Welt zu setzen; technische Perfektion; gründliche Planung; Stolz auf die eigene Leistung, der es verbietet, unter dem Kommando ausländischer Terroristen zu dienen.

Bereits im Sommer 1980 hatte die RAF ihre alte Stärke wieder erreicht – von den zwanzig Guerilleros des harten Kerns sind ein Drittel Neuzugänge. Sie stützen sich auf 150 bis 200 Sympathisanten, den sogenannten legalen Arm der RAF. Diese Unterstützer verstecken sich nicht und arbeiten besonders in den "antifaschistischen Gruppen", die sich auf die Städte Berlin, Hamburg, Wuppertal, Bochum, Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Mannheim, Heidelberg und Stuttgart verteilen. Sie machen Propaganda für die RAF, helfen den Gefangenen und deren Angehörigen, übernehmen als – im Polizeijargon "Offiziere" Kurier- und Kundschafterdienste, besorgen Wohnungen. Hier, findet die-Guerilla ihren Nachwuchs – kurz vor dem Ramsteiner Anschlag waren im Südwesten wieder ein paar "Legale" untergetaucht.