Die Kerngruppe bleibt so klein, weil sie nach ihrem Selbstverständnis Elite sein will. Aber wohl auch, weil enorme Unterhaltskosten für die Wohnungen, einen ganzen Fuhrpark mit Autos und Motorrädern und gelegentliche Flüge durch Europa oder in den Nahen Osten aufgebracht werden müssen. 1979 war die RAF so knapp bei Kasse, daß sie zum alten Mittel der "Enteignung" (sprich: Bankraub) greifen mußte. Die Ausbeute bei den Überfällen in Nürnberg, Darmstadt und Zürich war eher mager. Inzwischen haben jedoch Überläufer von der Konkurrenz-Guerilla "2. Juni", die sogenannten Internationalisten, die "Kriegskasse" der RAF mit (geschätzten) zwei Millionen Mark wieder aufgefüllt. Soviel war übrig geblieben von den 4,5 Millionen Lösegeld, das 1977 für den entführten Wiener Strumpffabrikanten Palmers gezahlt wurde. In den einzelnen Kommandos wird seither streng Buch geführt: Jeder Besuch beim Friseur, jede Zahnarztbehandlung, alle Haushaltsanschaffungen, jeder Küchenposten muß abgerechnet werden.

Das Infosystem, das die Gefangenen in den verschiedenen Haftanstalten verbindet, ist wieder aufgebaut – beim Hungerstreik im Frühjahr 1981 wurde es offenkundig. Auch die Logistik funktioniert besser denn je – Frankreich dient als Hinterland, dort finden die Terroristen Unterschlupf und Depots. Als die französische Polizei Anfang Mai 1980 im Pariser Quartier Latin fünf mutmaßliche deutsche Terroristinnen verhaftete, entdeckte sie in den konspirativen Wohnungen unter anderem Munition, elektronische Zünder und zweihundert Pfund Natriumchlorat (die gleiche Substanz wurde auch für die Bomben in Ramstein verwendet). Es traf also zu, was der "Aussteiger" Hans-Joachim Klein – der für die "Revolutionären Zellen" beim Überfall des "Carlos"-Kommandos auf die Erdölminister in Wien 1975 dabei war – Anfang November 1980 im Spiegel über die RAF geschrieben hatte: "Für ein paar Kugeln oder auch ’ne Sprengladung könnte die Power wohl noch reichen."

Aber läßt sich die RAF vom Herbst 1981 noch mit der RAF des Terrorsommers 1972 oder des "deutschen Herbstes" 1977 vergleichen? Was ist von der Idee einer Stadtguerilla übriggeblieben?

Die "Rote Armee Fraktion", der radikalste Ableger der Studentenrevolte in den sechziger Jahren, datiert ihre Geburt auf den 14. Mai 1970. An diesem Tag befreite eine Gruppe, angeführt von der Publizistin Ulrike Meinhof und dem Rechtsanwalt Horst Mahler, den Kaufhausbrandstifter Andreas Baader mit Waffengewalt aus der Haft. Der entscheidende Schritt in die Kriminalität war getan – die erste deutsche "Stadtguerilla" hatte der Bundesrepublik den Krieg erklärt. Sie verstand sich als Teil einer weltweiten Aufstandsbewegung gegen den amerikanischen Imperialismus.

Die Strategie zimmerte man sich aus den Lehren des Partisanen-Feldherrn Mao Tse-tung und südamerikanischer Stadtguerilleros zusammen, versetzt mit Anleihen bei Marx und Lenin, bei Blanqui und Bakunin. Fernab der Realität vermeinten diese Anfänger allen Ernstes, sie würden den Vietcong – durch ihre Sprengstoffanschläge im Mai 1972 gegen das Hauptquartier des 5. Korps der US-Armee in Frankfurt und gegen das US-Hauptquartier in Heidelberg – zum Sieg über die Amerikaner verhelfen, zugleich aber in der Bundesrepublik, nach einem Wort "Che" Guevaras, ein "neues Vietnam" schaffen.

Die Theoretiker der Gruppe hatten die aberwitzige Vorstellung, sie könnten durch den gezielten Terror allmählich ganze Stadtviertel unter ihre Kontrolle bringen (ähnlich den "befreiten Gebieten" in der Türkei vor dem Militärputsch). Dort würden dann die Guerilleros, getragen von der Sympathie des von aller Unterdrückung befreiten Volkes, wie Fische im Wasser schwimmen.

Die Raserei des Eigendünkels