"Pharaonengrab" in Heidelberg

Dazu bediente er sich jenes Mediums, auf das auch Klein vorzugsweise zurückgreift. Boock weigerte sich strikt, vor den Ermittlungsbehörden auszusagen; statt dessen gab er im Spiegel einen bevorstehenden Anschlag preis: Bei einem deutsch-amerikanischen Ball mit hohen Militärs – in Heidelberg sollten sämtliche Gäste als Geiseln

genommen werden. Das Unternehmen sei als "finale Aktion" deklariert, weil die RAF selber nicht mit einem Erfolg rechne: "Es ist einkalkuliert worden, daß das gesamte Kommando dabei draufgeht." Wie 1977 in Stammheim solle 1981 in Heidelberg ein Fanal gesetzt werden: Mobilisierung einer neuen Terroristen-Generation durch kollektiven Selbstmord.

Doch das Bundeskriminalamt zeigte sich wenig beeindruckt. Es hatte sich nämlich seit einigen Monaten ohnehin auf das "Operationsfeld Heidelberg" eingestellt,, weil es Erkenntnisse besaß, neben denen die "finale Aktion" zum Planspiel unter vielen verblaßte. Was war geschehen?

In den frühen Morgenstunden des 25. Juli 1980 prallte auf einer Landstraße bei Bietigheim im Raum Stuttgart/Heilbronn ein VW Golf auf einen Lkw. Beide Insassen waren sofort tot: die als Terroristin gesuchte Juliane Plambeck und ihr Begleiter, der RAF-Genosse Wolfgang Beer. Offensichtlich waren sie auf dem Weg zu einer großen Aktion – in den Trümmern des Pkw fanden sich Waffen, Zelte und präparierte Nummernschilder für acht Autos. Im ersten Moment kam der Verdacht auf, der geplante Anschlag habe vielleicht dem in der Nähe wohnenden Generalbundesanwalt Kurt Rebmann gegolten. In einem Nachruf auf die beiden Toten beteuerte jedoch die RAF: "Rebmann interessiert uns jetzt nicht und "Wir haben auch nicht vor, Schmidt in die Luft zu jagen."

Erst im Oktober kam das BKA dem Rätsel auf die Spur. in Heidelberg entdeckte die Polizei eine Einzimmerwohnung, die von Juliane Plambeck unter falschem Namen für drei Monate angemietet worden war und mehreren Top-Terroristen als Durchgangsstation diente. Den Fahndern fiel in dieser Wohnung so reichliches Material in die Hände, daß sie nur noch vom "Pharaonengrab" sprechen. Von unschätzbarem Wert ist ein verschlüsseltes "Strategie-Papier", in dem eine "OFF. auf verschiedenen Ebenen" gefordert wird: "auf der mil. gegen US-Armee und BUWE (Basen)" – OFF steht für Offensive, BUWE für Bundeswehr.

Daneben lagen Skizzen und Karten von Heidelberg, vom Nato-Flugplatz Ramstein in der Pfalz und von den Hammonds Barracks der amerikanischen Armee in Mannheim. An jenem Julimorgen sollte anscheinend der Mannheimer Stützpunkt überfallen werden, denn am selben Tage verschwand eine deutsche Angestellte, die bei den Amerikanern gearbeitet hatte, auf Nimmerwiedersehn. Erst jetzt, nach dem Attentat auf General Kroesen, lesen die BKA-Beamten einen Satz in dem Strategie-Papier, der ihnen lange unverständlich geblieben war, mit wissenden Augen "Bei den derzeitigen Kräften wird man das Mittel so unkompliziert wie möglich halten müssen, wie bei Krö." Ein Hinweis auf General Kroesen? Er saß damals noch nicht in Heidelberg, sondern, als gleichzeitiger Befehlshaber der Nato-Heeresgruppe Mitte (Centag), in Mannheim – in den Hammonds Barracks.