Für "Autonome" und "Revolutionäre Zellen", die diesen Bewußtseinsprozeß leisten wollen, ist es nicht mehr notwendig, in die Illegalität abzutauchen; sie knüpfen eher an die "umherschweifenden Haschrebellen" von Anfang der 70er Jahre in Berlin an, behalten ihre bürgerliche Scheinexistenz bei und greifen – vor allem die "Revolutionären Zellen" – nach Feierabend zum kleinen Brandsatz. Sie hängen sich dabei vorzugsweise an Protestaktionen gegen Preiserhöhungen und gegen die Räumung besetzter Häuser. Auch viele Anschläge (siehe Kasten) gegen das US-Militär gehen auf ihr Konto. Weil sie eine eigene Basis gefunden haben, lehnen sie den Führungsanspruch der herrischen RAF vehement ab.

Am Selbstgefühl der RAF hat die Kritik aus der Szene indes nicht genagt. Die "Revolutionären Zellen" machen sich darüber keine Illusionen: "Die RAF ist und bleibt die einzige Metropolenguerilla, die die Illegalität proklamiert." Sie überließ es ihrem "legalen" Zweig, den Hungerstreik zu rechtfertigen und den "Verräter" Boock zu denunzieren. Wie ihre "neue Offensive" zeigt, hält sie am anarchistischen Aktionismus fest: Überzeugender als alle Theorie ist die Tat. Für die zögernden und unsicher gewordenen Anhänger sind die Anschläge von Ramstein und Heidelberg als politische Schulung gedacht, als schlagender Beweis, daß der scheinbar überlebensgroße Feind gegen eine entschlossene revolutionäre Organisation ohnmächtig ist. Die Botschaft wurde schon im Februar beim Hungerstreik formuliert: "Wenn die militante Linke sich aneignet, was der Imperialismus in seinen Niederlagen immer wieder erfahren mußte: daß seine Macht dort endet, wo seine Gewalt nicht mehr abschreckt, hat sie das ganze Geheimnis seiner Unbesiegbarkeit gelöst."

Diese Strategie – politisch-militärische Einheit von illegaler und legaler RAF und den Gefangenen – wurde bereits im letzten Jahr lauthals propagiert, Mitte Juli bei der "Antifaschistischen Aktionswoche" in Hamburg: eine klare Absage sowohl an die Gewaltlosen von Gorleben ("Die Ideologie der Gewaltfreiheit ist genau die Ideologie der Herrschenden") als auch an die Masse der Krawallmacher beim Feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr im Bremer Weserstadion ("Mit Steinen läßt sich die Nato nicht zerschlagen"), und ein ebenso klares (öffentliches!) Bekenntnis zur illegalen, bewaffneten Aktion gegen "die Schaltzentralen und Köpfe des imperialistischen Machtapparats". Die Parole "Krieg dem imperialistischen Krieg" müsse man mit Inhalt erfüllen, "nicht nur gegen die Amis, sondern auch gegen die SPD-Regierung", die in der RAF-Ideologie als europäisches Vollzugsorgan des amerikanischen "Uaterdrückungsapparates" ihren festen Platz hat.

Die Friedensbewegung gibt dafür nur die Kulisse ab. Aber die kommenden Friedensdemonstrationen könnten zur erhofften innenpolitischen Eskalation beitragen, auf welche die RAF schon seit einem Jahrzehnt hinarbeitet. Wenn die Polizei auf die falschen Köpfe einschlägt, wenn die Justiz zu Repressionen greift und wenn mancher Protestant an der Folgenlosigkeit seiner Demonstrationen irre wird dann könnte die Stadtguerilla neuen Zulauf bekommen.

Politisch ist die Friedensbewegung für die RAF völlig unattraktiv, ebenso wie vorher schon die Hausbesetzer und die Kernkraftgegner. Sie beabsichtigt keineswegs, sich einzureihen und sei es als deren militärische Speerspitze. Es ist aber auch naheliegend, daß sich die Friedensbewegung nicht durchsetzen darf: Ließen sich die Politiker von deren Gewaltlosigkeit beeindrucken, hätte ja die militante Linke in der Bundesrepublik ausgespielt.

Ungerührt von Zweck und Ziel der Friedensbewegung führt die RAF ihre eigenen Pläne durch. Die Anschläge von Ramstein und Heidelberg sind für die inhaftierten Genossen Signal zu einem neuen Hungerstreik. Der Angeklagte Rolf Heißler, Terrorist der ersten Generation, nutzte den Beginn seines Prozesses zur Proklamation. Waltraud Boock, die in Wien wegen der Palmers-Entführung einsitzt, hat in einem Erfahrungsbericht schon den Bogen zwischen RAF und US-Imperialismus geschlagen: "Die Bedingungen meiner Internierung sind ein exemplarisches Beispiel für den fortschreitenden Prozeß der reaktionären Integration unter der Hegemonie der BRD/USA."

Parallel zur Bonner Friedensdemonstration am 10. Oktober werden die RAF-Gefangenen die "Mordversuche der Justiz durch Isolationsfolter" an den Pranger stellen. Und auf dem Höhepunkt des deutschen Herbstes steht jener "doppelte Nach-Schlag" an, der im Frühjahr ausblieb. •