Hervorragend

Matthias Frey, Wolfgang Tiepold, Michael Thierfelder, Stefan Lang: „Colibry“ Der Vogel, der durch diese Schallplatte fliegt, ist ein ziemlich intelligentes Wesen; es liebt den Klangzauber und eine Art von disziplinierter Ekstase. Die Musik, die das bei den Berliner Jazztagen im vergangenen Jahr so plötzlich bekannt gewordene Quartett macht, gehört ganz gewiß unter den weiten Mantel des Jazz, auch wenn die Neigung zur tonalen zeitgenössischen „ernsten“ Musik nicht unterdrückt wird. Sie ist mit dramaturgischem Geschick aufgebaut, auffallend prägnant geformt und auch im Klang (Klavier, Cello, Percussion) von großer Eigenart Jedes Stück hat (wenigstens) ein Thema, also einen sorgfältig angelegten Anfang und ein damit korrespondierendes Ende; dazwischen ereignet sich dann das, was man eine Durchführung nennen kann. Das Klavier wird mit bemerkenswertem Raffinement gebraucht (von einem Autodidakten derart virtuos, daß man es nicht glauben möchte); das Cello mit seiner romantischen Attitüde wird mit Hingabe gestrichen, scharf oder dumpf gerissen und gezupft, der Bogen tanzt gern auf den Saiten (gespielt vom Solocellisten des Hessischen Rundfunk-Orchesters); die Perkussionisten spielen ihr originelles Instrumentarium mit sehr viel Phantasie. Manch einen wird diese Schallplatte an den Third Stream des Jazz erinnern – ganz falsch ist das gewiß nicht, aber auch nicht die einzige Wahrheit (veraBra records, Nr. 2; Postfach 64 01 57, 5000 Köln 60) Manfred Sack

Hörenswert

Johann Michael Haydn: „Sechs Salzburger Sinfonien“ Als im Sommer 1762 Johann Michael, der fünf Jahre jüngere Bruder von Joseph Haydn, in Wien ein Hornkonzert uraufführen ließ, saßen im „Publikum“ des Burgtheaters auch Verbindungsleute des Fürsterzbischofs von Salzburg. Am dortigen Hofe war der erste Kapellmeister gestorben, ein Subalterner war auf-, ein Konzertmeister nachgerückt – man brauchte einen tüchtigen jungen Mann. Ein Jahr später durfte der bereits, höchstes Privileg, an der Offizierstafel essen. Daß der Geiger, Pianist und Organist Johann Michael Haydn eine Menge geistlicher Musik komponierte, belegt das Archiv des Stiftes St. Peter. Darüber hinaus fand die Forschung in den letzten Jahren nahezu ein Dutzend Sinfonien (oder mit dieser Bezeichnung versehene Intermezzi), Musik auf dem Wege vom großen Speise- in den Konzertsaal, Musik, die entdeckt, daß sie über das Schön-Klingen hinaus eine „Aussage“ transportieren kann, Musik, die nicht mehr nur baßorientiert ist, sondern auch mit anderen Stimmen zu spielen versteht Die „Sinfonietta“ des RIAS Berlin, ein offenbar nach klassischem Muster klein besetztes Ensemble, versucht diesem Zwischenden-Zeitaltern zu entsprechen: muntere Tempi, unkomplizierte Artikulation, Betonung des vornehmlich Unterhaltenden – Musik als repräsentatives Genußmittel. Der Hörer der Platten könnte für sich selber empfinden, die Zeiten hätten sich doch so sehr gar nicht verändert. (RIAS-Sinfonietta Berlin, Leitung: Gustav Kuhn; Electrola 1C 157-99 757/58)

Heinz Josef Herbort

Tom Verlaine: „Dreamtime“ Der Minimal Rock des „Television“-Gitarristen Tom Verlaine klingt, im Branchenjargon gesprochen, auf diesem zweiten Solo-Album „kommerzieller“ als auf seinem meisterlichen Debüt von 1977. Als E-Gitarrist und Sänger, Komponist und Textautor neurotisch-alltäglicher Horrorgeschichten war er sowieso immer talentierter als die meisten Kollegen aus dem Dunstkreis der New Yorker New-Wave-Avantgarde. Verlaine ist kein Genie, dem Ideen in Fülle zufliegen würden. Er arbeitet an seinen Kompositionen wie ein Autor, der Gedichte und Geschichten mehrfach umschreibt, immer auf der Suche nach einem Riff oder Solo, nach Akkordfolgen, elektronisch verzerrten Klängen und Texten, mit denen er sich bewußt von seinen Plagiatoren (und die gibt’s reichlich) abheben will. Das kostet unter anderem Zeit, und darum vergingen seit seiner ersten Solo-Platte mehr als zwei Jahre. Wenn er sich die Freiheit nimmt, mit seinen Musikern einfach zum Spaß im Studio zu improvisieren wie bei dem Song „The blue robe“, klingt das plötzlich wie ein psychedelischer Jam-Session-Trip von 1968. (Warner Bros. WB 56 919)

Franz Schöler