Keine Forschung kann etwas Schlimmeres an den Tag bringen, als die unbegründete Vermutung annimmt.“ Das Wort stammt von Altmeister Ranke, und er wandte es im Jahre 1834 gegen die Geheimniskrämerei in den vatikanischen Archiven. Eberhard Jäckel, Direktor des Historischen Instituts der Stuttgarter Universität, hielt es jetzt bei einem internationalen Symposium seinen sowjetischen Gästen vor: Auch Moskau, das rote Rom, läßt ausländische Forscher nicht an die Archive heran.

Da saßen sie nun friedlich im Rathaussaal, voll des Eifers, die Wahrheit über die „Kriegswende Dezember 1941“ ans Licht zu bringen, Historiker aus den ehedem kriegführenden Ländem: Japaner neben Amerikanern, Italiener neben Engländern, Deutsche neben Russen, eingeladen von der renommierten Bibliothek für Zeitgeschichte und dem westdeutschen Komitee in der „Internationalen Gesellschaft für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges“. Fast so schön wie dieser Name klang das Postulat des Sowjethistoriker Filitow, durch gemeinsame Forschung für die Geschichte Ähnliches hervorzubringen wie die Elementartabelle in der Chemie,

Aber wo bleibt die Gemeinsamkeit? 1972, im Honigmond der Entspannung, versprachen sowjetische Militärhistoriker eine neue Periode der Zusammenarbeit – der Rest ist Schweigen. Professor A. Samjanow kompensierte das Versäumnis durch gestenreiche Empfindlichkeit, sobald jemand auch nur entfernt die hehren Absichten der östlichen Siegermacht – der einzigen mit Territorialgewinn – anzuzweifeln wagte. Er paßte bei kniffligen Fragen nach Stalins Kriegszielen oder den Kampfstärken der Roten Armee und stellte sich taub, als Professor Hillgruber verlangte, was allgemein üblich. „Kontrolle“, „Zahlenspiele“ – Reizworte für die Sowjets, in der Forschung wie in der hohen Politik. kj.