Von Helmut Schneider

Angenommen, in Michelangelos Biographie fehlten die ersten Jahrzehnte, er wäre ein Künstler, dessen Name erst in Verbindung mit dem Marmor-David faßbar würde (der Vertrag für die Statue datiert aus dem Jahr 1501), würde man dann in der "Madonna an der Treppe", der Arbeit eines Sechzehn- oder Siebzehnjährigen, oder in dem leuchtertragenden Engel in Bologna, der Arbeit eines Zwanzigjährigen, Jugendwerke dieses Bildhauers erkennen, der plötzlich mit einer über fünf Meter hohen Skulptur sozusagen debütierte?

Natürlich würde man das erkennen, so lautete wohl die spontane Antwort, denn es gibt etwas spezifisch Michelangeskes, das bereits in den frühen Arbeiten spürbar ist. Bei genauerem Nachdenken müßte man sich allerdings eingestehen, daß dies auch ein Trugschluß sein könnte, daß der Weg von den frühen zu den späteren Werken nur deshalb so logisch erscheint, weil wir ihn zurückverfolgen können. Wenn dieser Ariadnefaden fehlte, würde das Vaterschaftsproblem noch recht kompliziert.

Es gibt tatsächlich Künstler, bei denen dieser Verlust der Biographie und damit der belegbaren Auskünfte über ihr Frühwerk nicht hypothetisch ist, sondern bedauerliche Wirklichkeit.

Einer von ihnen heißt Tilman Riemenschneider. Es gibt keine Urkunde, in der verzeichnet ist, wann er geboren wurde. Bekannt ist nur, daß er 1483 als Geselle in Würzburg seßhaft wurde und dort 1485 auch Meister geworden ist. Ausgehend vom Mindestalter, das einer haben mußte, der Meister werden wollte, hat man errechnet, daß er in der Zeit um 1460 zur Welt gekommen ist: in Heiligenstadt im Eichsfeld im Thüringischen – der Geburtsort geht aus Dokumenten hervor, die Riemenschneiders Familie betreffen.

Der erste Vertrag über ein Werk, in dem der Name des Bildschnitzers erwähnt und er als ausführender Meister genannt ist, stammt aus dem Jahre 1490. Damals war Riemenschneider schon ungefähr dreißig, er hatte also sicher bis dahin irgendwelche Werke geschaffen. Die Frage ist nur, welche. Die Riemenschneider-Forschung hat im Laufe der Jahrzehnte eine Reihe von Arbeiten zusammengebracht, die alle probeweise das Etikett "Frühwerk" tragen.

Ein gesichertes Datum – Riemenschneider ist am 7. Juli 1531 in Würzburg gestorben, vor vierhundertfünfzig Jahren also – war nun der Anlaß für eine Ausstellung, in der diese Werke erstmals nebeneinander zu sehen sind. Knapp 60 Skulpturen sind im Mainfränkischen Museum in Würzburg versammelt, gesicherte Arbeiten Riemenschneiders und ihm nur zugeschriebene, dazu Vergleichsbeispiele von anderer Hand. Ein durchaus eindrucksvolles Ensemble, das eine Vorstellung geben soll vom Umfang des Frühwerks und von den künstlerischen Fähigkeiten und Absichten des jungen Bildhauers.