Das Exemplarische aufs Allgemeine hin transparent zu machen, in einer übergroßen Fülle von Themen und Einzelheiten wichtige Positionen zu markieren und damit eine „Landschaft“ abzustecken: darin besteht das Problem kulturgeschichtlicher Darstellungen. Auf eindrucksvolle Weise ist das in einem Buch gelungen, das im Zusammenhang mit der aus Anlaß des 125jährigen Jubiläums des Vereins Deutscher Ingenieure im Frühsommer in Berlin veranstalteten Ausstellung entstanden ist:

Tilmann Buddensieg/Henning Rogge (Hsrg.): „Die nützlichen Künste. Gestaltende Technik und Bildende Kunst seit der Industriellen Revolution“; Quadriga-Verlag, Berlin 1981, 391 S., DM 30,–.

Sieht man von einleitenden Beiträgen ab, so greifen nicht weniger als 46 Autoren 46 verschiedene Themen auf. Was sonst jedoch bei einer Anthologie häufig ermüdend wirkt: nämlich in der bunten Mischung den roten Faden suchen zu müssen, erweist sich hier als lustvoll. Das Generalthema wird ständig auf eine sehr präzise und das Wesentliche treffende Weise (um die Metapher zu wechseln) „anpunktiert“ – ob Karl Ludwig Schneider Bauwerke als dichterische Sinnbilder des Epochengegensatzes von alter und neuer Zeit aufspürt, Michael Stürmer das Erbe der höfischen Kultur an die Industriewirtschaft beschreibt – „Die Hofhandwerker des 18. Jahrhunderts waren Partisanen der Marktökonomie, betrieblicher Rationalisierung und technischer Hochleistung“ –, Dieter Vorsteher das Fest anläßlich der 1000. Lokomotive der Firma Borsig 1858 rekonstruiert – „Fahre wohl, ,Borussia‘, fahre wohl!“ –, Wolfgang Schivelbusch den Wechselbeziehungen von „Straßenlaternen und Polizei“ nachgeht, Klaus-Jürgen Sembach aus einem Eisenbahnplakat von Pierre Masseau den „internationalen Stil von 1930“ entwickelt. Der gebotenen Kürze dieser Anzeige ist es anzulasten, wenn die anderen Beiträge unerwähnt bleiben. Wo man den Band anblättert, liest man sich fest: ein gleichermaßen anregendes wie tiefgreifendes Kompendium zum Thema „Industriekultur“, das mit Geschichte als Aufklärung ernst macht: zwei Jahrhunderte Maschinenzeitalter, in seinen Höhen und Tiefen, illuminiert. H. G.