Von Hans C. Blumenberg

Wenn man sich von Deutschland entfernt, sehr weit und länger als für ein paar Ferienwochen, kann einem auch dies passieren: Im Laden an der Ecke fragt ein Mann nach einer Zeitschrift. Er weiß nicht, wie sie heißt. Ja, sagt die Frau hinter dem Tresen, das ist wohl die mit dem Papagei vorn drauf. Ich stehe dabei, zufällig, und mische mich ein, ohne darüber nachzudenken. Nein, sage ich zu der Frau, das ist kein Papagei. Das war einmal ein Adler. This used to be an eagle...

Der Adler auf dem Titelblatt von Time sieht tatsächlich mehr aus wie ein Papagei: ein trauriger Vogel, ein krankes Wappentier. Die Geschichte dazu handelt von Deutschland und heißt: A moment of Angst. Sie erscheint im August 1981. Ich lese sie in Sydney, Australien. Die Angst scheint fern, aber nur einen Moment lang.

Im Goethe-Institut in Sydney tauchen immer häufiger Leute aus Deutschland auf, die sich einen Rat (und am liebsten auch eine Tat) erhoffen: ob sie nicht hierbleiben könnten, irgendwie, Australien, das habe ja noch Zukunft. Auch beim Generalkonsulat der Bundesrepublik, ein paar Straßen weiter, melden sich gelegentlich Menschen, die gern das Weite suchen würden. Die sind aber nicht nur an der falschen Adresse, sondern auch im falschen Land.

Jeder siebente der knapp 15 Millionen Australier lebt hart am Existenzminimum. Die Armut im Lande verbirgt sich gut, aber sie ist so groß, daß der Sydney Morning Herald (neben dem in Melbourne erscheinenden Age die beste Tageszeitung Australiens) dem um sich greifenden Elend gerade eine alarmierende dreiteilige Artikelserie widmete. Die Reichen werden immer reicher (von der Ausbeutung der fast unermeßlichen Bodenschätze des Landes profitieren überwiegend multinationale Konzerne), und die Armen werden immer ärmer im Australien des Premierministers Malcolm Fraser, der niemanden so enthusiastisch bewundert wie Ronald Reagan. „Alle Kraft Ihrem Arm“, rief er in Washington dem Präsidenten zu. So kommt es, daß auch in Australien manche Leute Angst bekommen.

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Neulich ging ich zu einer Demonstration, die an einem Sonntagmittag am Opernhaus von Sydney stattfinden sollte: dieser phantastischen Konstruktion aus geschwungenen Segeldächern, die selbst jene Menschen in Australien vermuten, die sonst höchstens wissen, daß es hier Tiere mit Beuteltaschen gibt, die boxen können und alle Mathilda heißen. Um Joan Sutherland im Sydney Opera House singen zu hören (in „La Traviata“ und in Meyerbeers „Hugenotten“), muß man sechzig Mark bezahlen: für einen schlechten Platz. Ein guter kostet das Dreifache. Oper und Ballett, ein Luxus für die ganz wenigen, die sich solche Preise erlauben können (junge Leute sieht man fast überhaupt nicht in der Oper), verschlingen fast dreißig Prozent der bescheidenen 29,3 Millionen Dollar, die die Fraser-Regierung im nächsten Haushaltsjahr durch den „Australia Council“ als Kunst- und Kulturförderung verteilen läßt. Mit Kultur hat der konservative Farmer Fraser so wenig zu schaffen wie sein Idol Reagan. Die Mittel für den „Australia Council“ sind, nach Abzug der Inflationsrate, um zehn Prozent gegenüber 1980/81 gekürzt worden.