Von Hermann Glaser

Ein gelernter Arbeiter in der Metallindustrie der Stadt Frankfurt erhielt 1925 79 Pfennig pro Stunde, 1930 95 Pfennig, 1935 80 Pfennig, 1939 79 Pfennig. Eine vierköpfige Berliner Arbeiterfamilie – Vater: AEG-Transformatorenarbeiter, zwei Söhne arbeitslos, Mutter im Haushalt – hatte 1932 bei vierzigstündiger Vollarbeit ein Einkommen von 121,60 Mark brutto,nach Abzug der Sozialversicherung von 109,56 Mark netto. Für feste Ausgaben (Miete, Gas, Strom) wurden 45,30 Mark gebraucht. Ferner gingen noch ab für Haushaltsausgaben wie Seife, Waschmittel, Schuhcreme 18 Mark. Es blieben „zum Leben“ 46,26 Mark, das heißt pro Tag und Person standen für Essen und Getränke 38 Pfennig zur Verfügung. Im gleichen Jahr kostete 1 Kilogramm Roggenbrot 36 und 1 Kilogramm Kartoffeln 8 Pfennig!

Diese und andere statistischen Daten finden sich, neben zeitgeschichtlichen Hinweisen, im Anhang des Buches:

Friedrich G. Kürbisch: „Dieses Land schläft einen unruhigen Schlaf. Sozialreportagen 1918–1945. Ein Lesebuch“; Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Berlin–Bonn 1981, 240 S. 19,80 DM.

Was die nüchternen Zahlen andeuten, wird in dieser Sozialreportage „zum Leben“ erweckt. Zu was für einem Leben! „Mir besorgt die Schwiegermutter das Haus, und der Junge kann auch schon helfen, sieben Jahre ist er alt. Da kann ich schon den ganzen Tag bei der Arbeit bleiben, und es bringt wohl zwölf Mark die Woche. Andere bringen es nicht so hoch. Acht Mark, zehn, wenn es gut geht. Ich hab’ das Glasblasen aber schon mit vier Jahren gelernt. Und seit ich aus der Schule bin, hab’ ich’s Tag für Tag getrieben. Dreimal hab’ ich Ferien gemacht außer den Feiertagen: als ich Hochzeit machte, als mein Junge kam und als der Brief kam, daß mein Mann im Westen gefallen war’.“ So eine Heimarbeiterin in der Reportage „Im Thüringer Wald“ (1922) von Anna Siemsen (1882–1952, erst Lehrerin, 1928 SPD-Abgeordnete im Reichstag, 1933 Exil, 1945 Berufung an die Universität Hamburg).

Eine sozialkritische Reportage, schreibt der Herausgeber im instruktiven Vorwort, wäre dann ohne Belang, wenn sie die „nackten Tatsachen“, also die erkundeten Fakten, lediglich mit einem sozialen oder sentimentalen Mäntelchen umhüllte oder an den „Tatbestand“ – gleichsam als ein Alibi – einen „sozialistischen Schwanz“ anhängte. Kürbisch zitiert Georg Lukács; „Selbstredend geht jede Erkenntnis der Wirklichkeit von den Tatsachen aus; es fragt sich nur: welche Gegebenheit des Lebens und in welchem methodischen Zusammenhang es verdient, als für die Erkenntnis relevante Tatsache in Betracht zu kommen-“ Nur eine nach einem solchen Gesichtspunkt erarbeitete Reportage könne in den aufgefangenen Einzelbildern die sozialen Zusammenhänge aufspüren, werde so das gesellschaftliche Ganze als eine gesetzmäßige Einheit sichtbar machen.