Von Horst Bieber

Seit der ersten Sitzung der Bonner Atomkommission im Januar 1956, drei Jahre vor der Verabschiedung des Bundesatomgesetzes, stand fest, daß die Kernenergie drei Hürden nehmen mußte, um sich auf Dauer zu etablieren: Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Bedarf, Abfallbeseitigung. Sie schienen in den fünfziger und sechziger Jahren überwindbar; andere Probleme standen im Vordergrund. Aber im Laufe der atomaren Entwicklung wuchsen die Hindernisse immer stärker in die Höhe.

Vergleichsweise wenig Sorgen bereitete bis heute die Frage der Sicherheit, In Sachen Wirtschaftlichkeit kam von vornherein der Gesetzgeber zur Hilfe, der von 1956 bis 1981 mehr als 25 Milliarden Mark Steuergelder in die Nuklearforschung und -technik steckte; der Bedarf an elektrischer Energie wurde freilich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre nach unten korrigiert und dürfte in der dritten Fortschreibung des Energieprogramms (das nach langer Verspätung jetzt für November angekündigt ist) noch einmal gesenkt werden. Die Betreiber rechnen zur Zeit mit drei möglichen Varianten: maximal 53 000 Megawatt (MW) installierter elektrischer Leistung im Jahre 2000; minimal 20 000 MW im selben Jahr; wahrscheinlich dagegen um die 40 000 MW.

Die Maximallösung hatten die Regierungschefs noch im September 1979 zugrunde gelegt, als sie sich mit der dritten Hürde der Kernkraft beschäftigten, der Entsorgung. Die wahrscheinliche Variante hieße, daß die 14 fertigen (mit gut 9000 MW) und 21 geplanten oder im Bau befindlichen Kernkraftwerke am Ende des Jahrhunderts arbeiten (Gesamtleistung: circa 35 000 Megawatt). Doch welche Variante auch verwirklicht wird: Eine Entsorgungslösung muß so oder so gefunden werden, und zwar bald. Daß es "kneift", daß "die Zeit drängt", daß "rasch" Entschlüsse nötig sind", wird unisono von Bund, Ländern, Betreibern, Entsorgern und Lobbyisten zugegeben. Am 9. Oktober will sich das sogenannte Nuklearkabinett mit diesem Thema befassen, sechs Tage vor der angekündigten großen Atomdebatte in der französischen Nationalversammlung, in der sich auch das Schicksal der Wiederaufbereitungsanlage in Cap de la Hague am Atlantik entscheiden kann. Die Anlage, betrieben von der französischen Firma Cogema, ist aber einer der vier Ecksteine des deutschen Entsorgungskonzepts.

Der Entsorgungsengpaß war seit Anfang der siebziger Jahre absehbar. Alle Beteiligten wußten von Anfang an, daß der strahlende, lebensgefährliche Abfall der Kernkraftwerke nicht einfach in die Luft abgeblasen, in die Flüsse eingeleitet oder auf Mülldeponien gelagert werden konnte. Ganz im Gegenteil glaubten die Techniker, aus dem Atommüll ließen sich wertvolle Brennstoffe zu wirtschaftlich interessanten Bedingungen zurückgewinnen. Westeuropa begann eine internationale Zusammenarbeit (parallel zu nationalen Bemühungen, die Wiederaufarbeitung technisch in den Griff zu kriegen) in eben jenem Nuklearoptimismus, der bis jetzt regelmäßig die Kosten, Schwierigkeiten und Zeiträume unterschätzt hat: Noch 1971 fürchtete man, am Ende des Jahrzehnts könne es zuviel gewinndrückende Wiederaufarbei-tungskapazitat geben. Drei Jahre später schon erklärte die deutsche Chemie unumwunden, sie könne daran nicht mehr verdienen.

Gemäß dem "Verursacherprinzip" aus der Gesetzgebung des Umweltschutzes waren bei der Entsorgung nun die Betreiber an der Reihe, und dieses Prinzip wurde in einer Novelle des Atomgesetzes 1976 festgeschrieben: Betriebsgenehmigung nur bei Entsorgungsnachweis. Der Bund übernahm die Verantwortung für die Endlagerung des – unveränderten oder wiederaufgearbeiteten – Mülls, die Länder erhielten die Zuständigkeit für die Zwischenlagerung (nach der Entnahme der Brennelemente aus dem Reaktor und dem Abklingbecken, in dem sie einen großen Teil ihrer Radioaktivität verlieren; vor der Wiederaufarbeitung und/oder Endlagerung); die Betreiber versuchten mit einer Wiederaufarbeitungsanlage für 1400 Tonnen abgebrannter Elemente pro Jahr in Gorleben den "großen Wurf und scheiterten im Frühjahr 1979 am "Nein" der niedersächsischen Landesregierung.

Anfang 1980 traten die neuen Entsorgungsgrundsätze, formuliert von den Regierungschefs, in Kraft. Sie legten die Latte dessen, was "gesicherte Entsorgung" heißt, noch einmal niedriger und akzeptierten Baupläne für die Zukunft quasi als vollendete Tatsachen; andererseits verlangten sie für bestehende und künftige Kernkraftwerke Schritt um Schritt einen sechs Jahre umfassenden "Entsorgungsnachweis". Das überaus verwirrende und komplizierte Geflecht der Bedingungen und Abhängigkeiten läßt sich in vier Kapitel auflösen: erstens Lagerung im Kernkraftwerk, zweitens Lagerung in externen Zwischenlagern, drittens Abtransport des "Mülls" ins Ausland und viertens Endlagerung in einem nationalen Lager; dafür wird zur Zeit ein Salzstock in Gorleben untersucht.