Von Michael Naumann

New York, im September

Schräg vor der deutschen Delegation im grüngoldenen Sakralbau der UN-Vollversammlung döste am vorigen Montag der Premier des pazifischen Inselstaates Vanoatu an seinem Tisch. Mit monumentalem Pathos kündete derweil Venezuelas Ministerpräsident Luis Herrera Campins vom traurigen Ende der „alten Nationen“. Angebrochen sei jetzt das Zeitalter der jungen Länder, die geistige und politische Erneuerung der Welt durch Venezuela und andere. Generalsekretär Kurt Waldheim blätterte hinter dem Rostrum in tausend Papieren. Zur linken Hand des irakischen Präsidenten der Vollversammlung fühlten sich die zugelassenen Beobachter zweier gefürchteter Guerilla-Fraktionen, der PLO und der südwestafrikanischen Swapo, von der Rhetorik des Lateinamerikaners ermuntert: Auch sie wollen ja die Welt verändern.

Die unermüdliche Resolutionsmaschine der 36. UN-Vollversammlung ist pünktlich zum Herbstbeginn angesprungen. Über die 155 Delegationen gingen wieder einmal revolutionsenthusiastische Oden an die Zukunft und Beschlüsse wider die Erbverwalter des Kolonialismus nieder. Alles wird festgehalten – im letzten Herbst spuckten die Kopiergeräte der Vereinten Nationen 236 Millionen Seiten Papier aus. Nicht wenige davon sind Zeugnisse „der Frustrationen der Länder der Dritten Welt“ (Rüdiger von Wechmar) angesichts des wachsenden Nord-Süd-Gefälles.

Die UN-Vollversammlung nimmt zwischen den entwicklungspolitischen Wutanfällen der Dritten Welt und den außenpolitischen Besänftigungen der Industriestaaten eine therapeutische Funktion wahr. Mit seinem Chefdolmetscher Weber zur Seite verschwand denn auch Hans-Dietrich Genscher diese Woche im diplomatischen Getümmel New Yorks. Zu den Gesprächsthemen der 150 Außenminister, die sich im Verlauf der Vollversammlung nach New York begeben werden, gehören zumal jene Ärgernisse, die auch Alexander Haig und Andrej Gromyko zu ihrem ersten Treffen als Außenminister zusammenführten: das krisenhafte Verhältnis zwischen den armen und reichen Staaten und die Zukunft der Rüstungskontrolle.

Statistisch gesehen stehen derzeit für jeden Menschen zwei Zentner Dynamit zur Verfügung – im Gegensatz zum Getreide: Da fehlen Millionen Tonnen. Die Armut vieler Länder der Dritten Welt steht im umgekehrt-proportionalen Verhältnis zu den Rüstungsaufwendungen der Industriestaaten, aber auch zu den Verteidigungsausgaben dieser Länder selbst. Aber Verschwendung gibt es auch anderswo. Sogar Rüdiger von Wechmar rechnet heute vor, wie viele Brunnen und Krankenhäuser in der Sahelzone oder anderswo einzurichten wären, verzichteten die UN-Delegierten nun endlich auf die Flut von Empfängen in den Hotelsuiten von Manhattan.