Nach dem Tode von Klaus-Jürgen Rattay: Wer ist schuld an der Gewalt?

Von Klaus Pokatzky

Westberlin, im September

Wir trauern um einen Toten“, steht in hastig hingeworfenen Buchstaben auf dem Transparent, dessen Farbe noch nicht getrocknet ist. Dahinter ziehen Zehntausende durch die Nacht, viele halten Fackeln oder brennende Kerzen in der Hand, nur wenige sprechen, niemand lacht, manchmal tönt ein Sprechchor auf, der rasch wieder abebbt: „Lummer – Mörder.“ Es dauert fast eine Stunde, bis das Ende dieses leisen Trauerzuges erreicht ist, bei dem nur wenige Vermummte mitmarschieren und für Berliner Demonstrationen ungewohnt viele Leute über dreißig. In den letzten Reihen schlagen drei Trommler dumpfe Wirbel, dahinter wird das letzte Transparent durch die dunklen Straßen getragen. Nur ein Wort steht weiß auf schwarz in großen Lettern darauf: „Mörder.“

Ein einziges Mal wird ein Lied angestimmt: leise und fast andächtig, gleichsam, um die eigene Trauer nicht zu stören, summen und pfeifen Tausende die Melodie von „Sacco und Vanzetti“, einem melancholischen amerikanischen Protestsong. Viele weinen.

Der Marsch durch die Berliner City endet an der Kreuzung Potsdamer Straße/Bülowstraße, genau an jener Stelle, wo mittags unter noch ungeklärten Umständen der 18jährige Klaus-Jürgen Rattay ums Leben kam – 14 Jahre nach dem tödlichen Schuß auf den Studenten Benno Ohnesorge wieder ein Toter bei einer Demonstration in Berlin, der vielleicht das politische Klima in der Stadt vergiftet.

Harmloser Beginn