In Schöneberg kommt es an diesem Abend doch noch zu blutigen Straßenschlachten, die alle gewalttätigen Auseinandersetzungen der letzten Monate übertreffen; Polizisten wie Demonstranten gehen mit ungewöhnlicher Brutalität aufeinander los; die einen schießen mit Tränengas, die anderen werfen Steine und brennen Barrikaden ab. Berlin stehen schlimme Tage und Nächte bevor.

Dabei hatte es an diesem Dienstag harmlos begonnen. Am Wochenende war das Ultimatum van Innensenator Heinrich Lummer (CDU) abgelaufen, mit dem die Besetzer von acht der insgesamt 160 besetzten Häuser aufgefordert wurden, ihre "neuen Heimaten" zu räumen. Hunderte von Sympathisanten und Paten Gewerkschafter, Pfarrer, Schriftsteller und viele Namenlose – hatten die Besatzungen verstärkt, um ihnen mit passivem Widerstand beizustehen und Gewalttätigkeiten vorzubeugen. Die Räumung der acht Häuser hatte Berlins Bausenator Ulrich Rastemborski (CDU) schon im Juli angekündigt; von Ersatzwohnungen in anderen besetzten Häusern wollten die betroffenen Besetzer allerdings nichts wissen, weil diese bereits überbelegt oder sogar normal vermietet seien. Durchgeführt wurde die Aktion dann gegen heftigen Protest der drei anderen Parteien im Abgeordnetenhaus: SPD, Alternative, FDP.

Am Dienstagmorgen war es dann soweit: Viele Besetzer und ihre Freunde registrierten schon fast mit Erleichterung, daß kurz vor zehn, nach zwei schlaflosen Nächten und einem nervenaufreibenden Tag, vor allen acht Häusern gleichzeitig Polizeihundertschaften auffuhren, mit Wasserwerfern und Panzerspähwagen, Räumungsfahrzeugen und Gefangenentransportern. Begleitet und beobachtet von einem massiven Aufgebot an Presseleuten und Kamerateams, verliefen die Häuserräumungen weitgehend friedlich. Nachdem sich die Besetzer trotz mehrmaliger Aufforderung der Polizei weigerten, ihre Wohnungen zu verlassen, wurden die Türen aufgebrochen, und die Polizisten trugen oder führten jeweils hundert bis zweihundert Leute aus den geräumten Häusern. Ihre Personalien wurden überprüft, nur wenige "erkennungsdienstlich behandelt".

Manchmal kam es zu heftigen verbalen Attacken auf Polizisten, gelegentlich griffen Beamte auch grob zu, weitgehend aber konnte man den Eindruck gewinnen, der Innensenator wolle hier, am hellichten Tage und vor den Augen vieler Journalisten, eine friedvolle Musterräumung vorführen. In der Winterfeldtstraße 20, das wie fünf weitere der geräumten Häuser der gewerkschaftseigenen "Neuen Heimat" gehört, überreichten die Besetzer den Polizisten Blumen und boten ihnen Schokolade an. Einige nahmen die Präsente denn auch dankend und freundlich lächelnd an, andere wiesen sie mit eisiger Miene zurück. Die Besetzer dort hatten zuvor angekündigt, daß sie keinen gewalttätigen Widerstand leisten würden. "Wer sich daran nicht hält, soll lieber gleich wieder gehen", sagten sie den Sympathisanten ohne Umschweife, die sich ihnen zugesellt hatten. Bei der Räumung tönte es den Polizisten vom Balkon eines Hauses entgegen: "Hier braucht ihr keine Angst Zu haben, von hier fliegen keine Steine."

Das Gelöbnis schien auch nötig, denn vorher waren sehr wohl Steine geflogen. Als die Räumkommandos anrückten, wurden sie mit brennenden Barrikaden und einem Steinhagel empfangen. Es waren freilich nicht die Hausbesetzer, die den Krawall inszenierten, sondern die Militanten der Szene, die dann mit Tränengas und Wasserwerfern von der Straße getrieben wurden. Und dabei geschah das Unglück, für das unmittelbar danach schon die Schuld verteilt wurde. Während die Alternative Liste sofort den Rücktritt Lummers forderte, und die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus einen Mißtrauensantrag einbringen will, wetterte der CDU-Politiker in Mikrophone: "Die Schuld liegt bei denen, die die Gewalt begonnen haben und für die Saat der Gewalt verantwortlich sind."

Über den Tod des 18jährigen gibt es zwei Versionen. Die Polizei erklärte am Dienstagabend, nachdem sie zunächst von einem "Verkehrsunfall" gesprochen hatte, Klaus-Jürgen Rattay sei, aus einer Demonstrantengruppe heraus, vermummt auf die Stoßstange des Busses der Linie 48 gesprungen und habe versucht, die Windschutzscheibe einzuschlagen. Daraufhin habe der Fahrer Gas gegeben; der 18jährige sei dabei von einem Vorderrad erfaßt und achtzig Meter mitgeschleift worden. Erst durch Passanten sei der Busfahrer auf den Unfall aufmerksam gemacht worden und habe dann angehalten.

Nicht nur Demonstranten, sondern auch GEW-Mitglieder, die den Tod Klaus-Jürgen Rattays aus nächster Nähe sahen, schilderten den Vorgang völlig anders. Die Polizei habe eine Gruppe Demonstranten aus der Bülowstraße ohne jede Vorwarnung in den Verkehr auf der Kreuzung getrieben, dabei sei Rattay von dem Bus erfaßt worden, der schön vorher jemanden fast überfahren habe. Der Busfahrer habe kurz gestoppt und sei dann, ohne sich zunächst um die verzweifelten Rufe von Passanten und Demonstranten zu kümmern, mit Vollgas weitergefahren und habe erst gebremst, als alles zu spät war,