Schwer verständlich ist in jedem Fall der unmittelbare Anlaß, der zu der Demonstration an der Kreuzung geführt hat. Hierher waren nämlich Hunderte geströmt, nachdem sich in Windeseile das Gerücht verbreitet hatte, Innensenator Lummer persönlich wolle das gerade geräumte Haus Bülowstraße 89 inspizieren. Was viele zuerst als Gerücht abtaten, stimmte dann doch: Lummer erschien mit einem starken Polizeiaufgebot; er sah sich das Haus an, stellte fest, hier hätten ja eher "Kaputtbesetzer" gewöhnt, und hielt eine improvisierte Pressekonferenz ab. Daß dieser völlig unnötige Besuch unmittelbar nach der Räumung zu wütenden Protesten und einer Gegendemonstration der Hausbesetzer-Sympathisanten führen würde, war vorauszusehen.

An der Stelle, wo sich eine mit Sägemehl nur notdürftig verdeckte Blutspur über die Straße zog, wurden den ganzen Nachmittag über rote und weiße Nelken abgelegt. Vielleicht dreißig jüngere Leute saßen an der Unfallstelle, als ich dort gegen fünf Uhr zum zweiten Mal hinkam. Sie starrten auf das Blut und die Blumen, einige weinten. Ohne offensichtlichen Grund, denn die Gegend war noch wegen der Räumung weitgehend abgesperrt, fuhren etwa zwölf Polizei-Mannschaftswagen mit hoher Geschwindigkeit auf die Sitzenden zu, nachdem ein Einsatzleiter mit erregter Stimme durch den Lautsprecher, innerhalb von zwei Minuten drei Warnungen gegeben hatte. Nicht nur Leute, die auf der Straße saßen, wurden dabei und beim anschließenden Einsatz mit Tränengas und Schlagstöcken verletzt, sondern auch mindestens eine Passantin.

Spontane Mahnwachen Nachdem sich zwanzig Minuten später wieder etwa zwei Dutzend Jugendliche als "Totenwache" friedlich auf den Boden gehockt hatten, vertrieben sie diesmal Polizeibeamte zu Fuß und nahmen mehrere fest, Ihren dritten Einsatz startete die Polizei gegen 17.45 Uhr, nachdem. sich wieder einige Menschen um Blutspuren und Blumen gesetzt hatten. Sie verjagte die spontane Mahnwache mit Knüppeln; einige Beamte trampelten auf den Nelken herum. Weil ich das nicht mehr mit ansehen konnte, bin ich dann, in ohnmächtiger Wut, weggegangen.

Vielleicht hätte mich Berlins ehemals Regierender Bürgermeister, Pastor Heinrich Albertz, verstanden. In einem besonnenen Interview für die ARD-Tagesthemen verurteilte er am Dienstagabend die Gewalt auf beiden Seiten – er hoffe, "daß nach diesem schrecklichen Tod einige auch so nachdenklich geworden sind wie ich damals"; damals, als Albertz nach dem Tod Benno Ohnesorges von seinem Amt zurücktrat.