Ein ehrliches Parvenü-Gesicht

Helsinki

Gibt es ein Helsinki hinter dem offiziellen Helsinki? Oder hinter dem Helsinki, das sich den Touristen bietet?

Im alten Rußland war es der Fürst Potemkin, der Kulissen errichten ließ, die das verbargen, was weniger reizvoll war und was die Fremden nicht sehen sollten.

Potemkins Geist lebt fort in Helsinki wie so vieles andere Russische, aber in finnischer Variante. Und die ist bedeutend radikaler.

Was Besucher nicht sehen sollten, sollte nicht verborgen werden. Es sollte weg.

Und da man nicht richtig wußte, was Besucher nicht zu sehen brauchten, beschloß man, das wegzunehmen, was man selber nicht sehen wollte. Das war all das, wofür man sich zu schämen glaubte. Alles, was nicht fein genug war.

Ebenso all das, was unangenehme Assoziationen weckte. Unter anderem versuchte man, alle sichtbaren Zeichen einer Periode vor 150 Jahren zu kappen.

Ein ehrliches Parvenü-Gesicht

Der russischen also.

Die orthodoxe Kirche auf der Festungsinsel Suomenlinna im Hafen wurde in einen unschönen Funktionalistentempel umgebaut, in dessen Turm man ein Leuchtfeuer für Seefahrer plazierte. Obwohl die alte Kirche so schmuck war, daß der kommandierende Admiral der alliierten Flotte, die Suomenlinna im sogenannten Ständischen Krieg bombardierte, Befehl gab, die Kirche vom Artilleriefeuer zu verschonen.

Das hätte, so sollte man meinen, den Bewohnern von Helsinki ja nun Hinweis genug sein müssen, was Ausländer gern sehen wollen. Statt dessen aber pflückten sie den zaristischen Doppeladler vom Obelisk auf dem Kauppatori, dem Marktplatz, ab, sobald das Land befreit war. Heute breitet er seine Schwingen Frieder an seinem gewohnten Platz aus – ein seltsames Bindeglied in den freundschaftlichen Beziehungen zum Sowjetstaat, der das Kaiserreich stürzte.

Die Isvoshiker, die Pferdedroschken, eliminierte man mittels rigoroser Bestimmungen, obwohl sie keine ausschließlich russische Erscheinung darstellen, wie beispielsweise Rom und Wien beweisen. In diesem Jahr hat eine Kutsche wieder eine Fahrgenehmigung erhalten, mit einigem Glück kann man sein Gespann im Verkehr auf dem Touristenkorso der Stadt entdecken. Diese Neuerung könnte daher rühren, daß die Pferdedroschken aus dem Stadtbild von Leningrad und Moskau verschwunden sind.

Unser Verhältnis nach Osten ist immer noch vielschichtig und sogar für uns selber schwer zu begreifen.

Trotz hartnäckiger Versuche ist es nicht gelungen, die Teppichwäscher von den Stränden der Stadt zu vertreiben, obwohl sie – wie man meinte – das Stadtbild verunzierten. Noch immer schrubben sie auf Holzstegen am Brunnsparkstrand ihre Flickenteppiche im Seewasser. Die verschmähten Wäscher sind so außergewöhnlich wie der Ort ihres Fleißes. Auch er macht Helsinki einzigartig unter den Hauptstädten Europas, ja vielleicht der ganzen Welt.

Helsinki hat ein weites Stück offenen Meereshorizonts vorzuzeigen.

Ein ehrliches Parvenü-Gesicht

Wenn man auf den Brunnsparkklippen steht, kann man sich vorstellen, am Strand eines endlosen Ozeans zu stehen, obwohl es tatsächlich bis zum gegenüberliegenden Ufer kaum 70 Kilometer sind. Jener Strand ist allerdings der Anfang zu einer Unendlichkeit, die noch unbekannter ist, als es die meisten Meere sind.

Weil aber gerade das Unerforschte als furchteinflößend und gefährlich erlebt wird, reisen wohl so viele Abendländer in unser entlegenes Grenzland. Sie kommen, um sich wollüstig kalte Schauer den Rücken herunter laufen zu lassen, wegen der Nähe des russischen Bären, dessen Lieblingsgerichte man sich in vielen sicheren und gemütlichen Restaurants von Helsinki schmecken lassen kann.

Wir selber haben keine Angst mehr vor den Russen. Längst betrachtet die Mehrheit unseres Volkes die Sowjetunion als ebenso guten Freund wie Schweden. Schweden nimmt unsere Arbeiter, und die Sowjetunion verschafft uns Arbeit.

Aber bei dem Versuch, eine historische Periode zu eliminieren, setzte ein allgemeiner Vandalismus ein; alles Alte ließ sich austauschen gegen etwas Neues, Gewinnbringenderes.

Dies führte dazu, daß das ursprüngliche, ganz aus Holz erbaute Zentrum Helsinkis dem Erdboden gleichgemacht wurde, wobei unschätzbar wertvolle Bauten verlorengegangen sind. Für Touristen wären sie wohl genauso interessant gewesen wie die architektonischen Denkmäler der Hanse in Lübeck. Nur ein schwacher Abglanz davon ist im Arbeiterviertel Vallgård mit den endlich unter Denkmalschutz gestellten Holzhäusern erhalten geblieben – nördlich von Långa bron, der Langen Brücke, die gar nicht lang ist.

Eben hier war es, wo der Kommandeur des deutschen Expeditionskorps, von der Goltz, im Freiheitskampf (oder Bürgerkrieg, je nach Standort) sagte: "Oh mein Gott, ich verstehe ja, daß die Armen sich auflehnen."

Die späten Abkömmlinge dieser Armen sind längst hinausgezogen in neue Schlafstädte, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen,. einen Besuch nicht lohnen. Statt dessen sind jetzt Künstler und Menschen mit romantischeren Neigungen, vielleicht auch mit fortschrittlicherer Lebensanschauung, nach gründlicher Renovierung in die alten Buden gezogen.

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Der aus Deutschland importierte Architekt Carl Ludwig Engel hatte keine Probleme mit den Holzhütten, die einst dort gestanden hatten, wo er sein monumentales Zentrum mit Dom und Senatstorget hinzuplazieren gedachte. Passenderweise war zuvor das ganze Budenviertel bei einem jener Großbrände in Flammen aufgegangen, die in all den holzgebauten Städten Finnlands in regelmäßigen Abständen wüteten.

Helsinki-Besucher brauchten eigentlich gar nicht mehr weiterzufahren nach Leningrad, denn Engels Werk ist ein Petersburg en miniature und somit ganz und gar russisch. Falls man Petersburg, das von einem französischen Architekten geschaffen worden ist, überhaupt als russisch bezeichnen kann.

Doch in jener Zeit machte es keinen Unterschied, woher der Architekt kam. Alles, was neu war, sah ohnehin gleich aus. Und viele Plätze gab es auch nicht mehr, wo man alles neu und auf einmal bauen konnte, so wie in Petersburg und Helsinki. Ein Beweis für diese begrenzten Möglichkeiten ist ein Viehstall in der Nähe von Salo. Der Baumeister hat den Kühen einen ebenso feinen, säulengeschmückten Palast spendiert wie dem Gutsbesitzer und dem Generalgouverneur des Landes.

Daß Finnland für seine Architektur berühmt ist, dürfte die meisten Besucher des heutigen Helsinkis erstaunen. Das Feine und Originelle ist hier nicht so leicht zu sehen, das Häßliche dafür um so sichtbarer.

Die Jugendstil-Epoche war zweifellos eine Glanzperiode Helsinkis, für den Besucher, der Wien kennt, ist es ein Vergnügen, auf der Katajanokka und im Stadtviertel Eira ein rechtes Wiedererkennungsspielchen zu genießen.

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Eine wirkliche Art Nouveau-Kathedrale, "der Petersdom des Jugendstils", ist der Bahnhof von Eitel Saarinen. Ohne Scham und völlig von seiner Richtigkeit Überzeugt, sagte der Baumeister selbst, daß dieser Bahnhof der schönste der Welt wäre – und das ist durchaus möglich.

Ein ehrliches Parvenü-Gesicht

Ihm gegenüber liegt das Atheneum, das Museum, in dem Finnlands bedeutendste Kunstschätze aufbewahrt sind. Kein Besucher sollte dieses Museum versäumen, schon allein um sagen zu können, er habe das einzige Kunstmuseum der Welt besucht, das bereits vor 80 Jahren für feuergefährdet erklärt worden ist.

Aber da es eine Kulturinstitution ist, die – oberflächlich gesehen – so aussieht, als brächte sie nichts ein, darf sie stehen bleiben. Unter demselben Schicksal leidet die Oper, die so eng ist, daß der weltberühmte Bassist Martti Talvela nicht aufrecht stehen kann, wenn er Boris Godunov "in". So dienen die allsommerlichen Opernfestspiele im Schloßhof des Nyslott auf Savonlinna auch, dazu, das Opernensemble einmal in voller Größe zu erleben. Das soll einen nicht daran hindern, in den Zuschauerraum der Oper am Bulvarden hineinzukriechen und – 200 Kilometer entfernt von Leningrad – das Beste, das zu Gebote steht, zu sehen und zu hören.

Nein, Helsinki braucht sein Gesicht nicht hinter einer dunklen Brille oder einem Schleier zu verbergen Alles in diesem ehrlichen Parvenü-Gesicht ist sichtbar.

In den Parks treiben sich die unzähligen, obdachlosen Alkoholiker herum, Um die sich keiner kümmert, dazu die recht spärlich gesäten Fixer, um die sich alle kümmern, weil sie nicht so schmutzig sind und es leichter ist, sie zu bedauern.

An Theatern herrscht auch kein Mangel, alles gibt es, von kleinen Kellertheatern bis hin zu Institutionstheatern. Alle Aktualitäten des Lebens nehmen sie auf und behandeln sie, und wenn ein weitgereister Zuschauer nicht immer alles begreift, braucht das nicht an. der undurchdringlichen finnischen Sprache zu liegen. Das protestantische Finnland ist nämlich Sehr orthodox in seinen Ansichten.

Um darin definitiv Bestätigung zu finden, kann der Fremde versuchen, sich in das Künstlerlokal "Kosmos" hineinzudrängeln, im absoluten Zentrum der Stadt unweit des Warenhauses Stockmann, und sich in eine Diskussion mit den ständig anwesenden Weltverbesserern einlassen, die alle bekannten Zungen beherrschen. Erst dort erhält man, ein Gefühl für das Ewigwährende und Unauslöschliche in der Natur des Finnen.