New York, im September

Herr, gib mir die Kraft zu ändern, was geändert werden muß, gib mir Geduld zu ertragen, was nicht geändert werden kann, und gib mir die Weisheit, sowohl das eine wie das andere zu erkennen.“ Mit diesem Wort Franz von Assisis verabschiedete sich Rüdiger von Wechmar in der vergangenen Woche von der Vollversammlung der Vereinten Nationen, von der deutschen UN-Botschaft und von New York. In seinem Abschiedswort schwang die Summe der Erfahrungen in dem Vielvölkergremium mit, das er sieben Jahre lang studieren konnte – als Botschafter der Bundesrepublik, als Präsident des Sicherheitsrates und, zuletzt, als Präsident der Vollversammlung. Es war dieses letzte, für die Bundesrepublik politisch wichtige, für ihn persönlich ehrenvolle Amt, das ihn mit der Anatomie der Organisation und ihren pathologischen Erscheinungen vollends vertraut gemacht hatte, zum Beispiel mit der alles überwuchernden Bürokratie.

Die Antwort auf seine Abschiedsrede war eine stehende Ovation, wie es heißt die erste, die einem scheidenden Präsidenten zuteil geworden ist. Sie war Ausdruck der Anerkennung für eine Amtsführung, die von Anfang an danach trachtete, über die Rolle des Zeremonienmeisters und Geschäftsordnungs-Interpreten hinauszuwachsen und einen aktiven Part zu übernehmen. Als erster Präsident hatte sich von Wechmar ein eigenes Thema gewählt und sich nachdrücklich daran orientiert: den Globaldialog – weltweite Verhandlungen über alle strukturellen und aktuellen Fragen der Weltwirtschaft wie Handel, Energie, Rohstoffe, Ressourcen und Währung – zu fördern. Das Unterfangen ist umstritten. Es hat Freunde in der Dritten Welt und Gegner im Westen. Widerstand kömmt vor allem von den Amerikanern, die erklärten, sie hätten noch keine Position erarbeitet und wollten bis nach dem Nord-Süd-Gipfel in Mexiko warten. Haigs Rede am Beginn der 36. Vollversammlung in dieser Woche gibt kaum Anlaß, auf einen frühen und günstigen Start dieses Dialogs zu hoffen.

Doch Grundlagen und Ausgangspunkte wären vorhanden. Durch intensive Gespräche am Rande der Vollversammlung, auf Informationsreisen durch die ganze Welt und mit vielen Vorträgen hat Mr. „Global“, wie von Wechmar in den Wandelgängen der UN genannt wurde, seine Sache vorangetrieben – und nebenbei auch dem Erscheinungsbild der Bundesrepublik bei den Entwicklungsländern geholfen. Nicht immer hat er dabei Positionen vertreten, die mit der Bonner Politik deckungsgleich waren. „Ich bin zuerst der Präsident aller Mitglieder und erst dann Botschafter meines Landes“, hatte Wechmar vor einem Jahr nach seiner Wahl gesagt. In der Rückschau stellt er zufrieden fest, daß Bonn ihm in der Tat freie Hand ließ, daß er Reden und Vorschläge nie mit dem Auswärtigen Amt absprechen mußte.

Daß die Generalversammlung einen Deutschen zu ihrem Präsidenten wählte, wurde damals mit Recht als Vertrauensbeweis für die Bundesrepublik gewertet. Wechmar hat dieses Vertrauen mit persönlichem Einsatz und diplomatischem Geschick gerechtfertigt. Mit seinem Fortgang aus New York – er wird Botschafter in Rom– geht für die deutsche UN-Vertretung so etwas wie eine erste Ära zu Ende. Seit ihrer Aufnahme in die Vereinten Nationen 1973 hat sie mehrere Initiativen erfolgreich durch das Verhandlungsdickicht gesteuert, war sie Mitglied im Sicherheitsrat und hat sie in diesem Gremium turnusmäßig zweimal den Vorsitz geführt. Die Erfolge tragen Wechmars Handschrift. Sie wären nicht möglich gewesen ohne einen hervorragenden Stab von Mitarbeitern, auf den auch sein Nachfolger, Staatssekretär van Well, rechnen kann. Barbara von Jhering