Von Harald Steffahn

Es war vor beinahe tausend Jahren. Die Welt wußte weder von Schießpulver noch von Buchdruckerkunst. Über dem Hegau lag ein trüber, bleischwerer Himmel, doch war von der Finsternis, die bekanntlich über dem ganzen Mittelalter lastete, im einzelnen nichts wahrzunehmen.“ Die Eingangssätze aus Victor von Scheffels Roman „Ekkehard“ von 1857 ironisieren die fortschrittsgläubige Zuversicht, die sich zu immer lichteren Höhen aufsteigen sah und alles Vergangene als Vorstufe abwertete. Scheffel wurde darin von der deutschen Historikerschule des 19. Jahrhunderts unterstützt, ja, er schrieb im Grunde aus ihrem Geiste, aber die Formel vom „finsteren Mittelalter“, die der Aufklärung entstammt, hat sich bis heute zäh erhalten.

Insbesondere ist die Geringschätzung jener Geschichtsperiode von 500 bis 1500 sozialistischem Denken eigen, weil sich in ihm die Vorstellung eines ansteigenden, endzielweisenden Geschichtsverlaufes konserviert hat. Auf dem Weg über die Sklavenhaltergesellschaft der Antike, die feudalistische des Mittelalters, die kapitalistische und imperialistische der Neuzeit strebt die Menschheit dem endgültigen Heil der klassenlosen Gesellschaft zu, in der es immerwährenden Frieden und keine Ausbeutung mehr gibt. Kommunistische Geschichte ist säkularisierte Heilsgeschichte, unverfälschte Spätaufklärung aus dem Geiste des Hegelschülers Karl Marx. Alle früheren Weltzustände können in diesem Sinne nur Baustoff für die Zukunft sein; Vergangenheit besitzt keinen Wert aus sich selber.

Dieses Prinzip, das zwar Ausnahmen anerkennt, Wie die Preußen-Renaissance in der DDR, aber als weltanschauliche Leittendenz nicht in Frage steht, wird auf erstaunliche Weise von einem russischen Autor außer Kraft gesetzt:

Aaron J. Gurjewitsch: „Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen“; Verlag C. H. Beck, München 1980,423 S., 34, – DM.

Das Buch des gebürtigen Moskauers vom Jahrgang 1924, eines promovierten Historikers am Geschichtsinstitut der Akademie der Wissenschaften, gelangte auf langen Wegen zu uns. 1972 erschien es in Moskau, wurde in der DDR übersetzt, übrigens vorzüglich (die Übersetzerin ist Gabriele Loßack), und 1978 in Dresden herausgebracht. In Lizenz übernahm der Münchner Beck-Verlag das Werk.

Das Alter der Schrift beeinträchtigt nicht ihren Erkenntniswert, weil sich die Perspektiven bei diesem Thema kurzfristig nicht ändern und langfristig nur bedingt. Die Literatur freilich repräsentiert weithin den Stand der sechziger Jahre. Schon der erste Eindruck zeigt, daß der Verfasser mit der westdeutschen Forschung bis in zeitliche Reichweite des Redaktionsschlusses vertraut ist. DDR-Arbeiten, ältere „gesamtdeutsche“, französische, englische, russische und ausgiebige Quellenzitate – alles zusammen erinnert schon beim Blick in die Werkstatt, noch ehe das Produkt selber betrachtet ist, an beste historiographische Tradition.