Liberale und Sozialdemokraten haben in England eine Allianz geschlossen. – Gefahr für die großen Parteien?

Einige Delegierte suchten die Rednerliste zu ändern, um den drohenden Pakt mit den Sozialdemokraten zu verhindern. Vergebens: Englands Liberale wittern nach einem halben Jahrhundert die Chance, endlich an die Macht zurückzukehren. Der Pakt muß sein, Unbehagen wurde deshalb unter den Vorstandstisch gekehrt.

Die Umfragen geben der neuen Allianz, die sich noch keinen Namen gegeben und keinen Gegenkandidaten für Margaret Thatcher ausgesucht hat, mindestens ein Drittel der Mandate, würde schon morgen gewählt. Diese nun seit Monaten konstante Zahl wird beeinflußt durch die Mißerfolgsserie der Konservativen und die Zerstrittenheit der Labour Party,

Beides kann sich ändern. Die Premierministerin steht erst in der Mitte der Legislaturperiode. Liberale und Sozialdemokraten müssen nun ein gemeinsames Programm vorlegen, das auch dann attraktiv bleibt, wenn bei den großen Parteien die Fahrt wieder glatter läuft.

Derzeit stehen die Liberalen in wichtigen Fragen links von der SPD. Beim Parteitag in Llandudno gab es eine Mehrheit gegen amerikanische Raketen auf britischem Boden. Vor allem die jüngeren Delegierten revanchierten sich damit für den Versuch ihrer Parteiführung, sie ins Gespann mit den rechten Sozialdemokraten zu zwingen.

Im Oktober kommt im Wahlkreis Croydon-Nord eine weitere Probe. Dort hat der liberale Kandiat sich gegen alles Ansinnen verwahrt, einem prominenten SDP-Mitglied Platz zu machen. Auf einer euphorischen Massenkundgebung am Rand des Parteitags, die fast schon einer Vereinigungskundgebung glich, haben die SDP-Führer den Croydoner Bewerber namens William Pitt ihrer begeisterten Unterstützung versichert. Das hat für besseren Startwind gesorgt als alle Beschwörungen des liberalen Parteichefs David Steel.

Er träumt ebenso wie Roy Jenkins und seine Partei von einer späteren Verschmelzung. Aber erst nach Mandatsgewinnen, wahrscheinlich sogar erst nach einem Wahlsieg auf Landesebene könnte es soweit sein. Dann wäre in doppelter Weise der Wandel geschafft: Konservative wie Sozialisten sähen sich gezwungen, von ihren derzeitigen Ideologien Abschied zu nehmen.

Karl-Heinz Wocker (London)