Spätestens nach dem Studium des letzten Monatsberichtes der Bundesbank wußten es die Zinsexperten: Die Frankfurter Währungshüter sind dabei, die Zinswende einzuläuten. Dies allerdings betont leise und ohne laute Signale, um keine übertriebenen Hoffnungen zu wecken.

Den Anstoß für den seit der zweiten September-Woche eingetretenen Zinsrückgang gaben die Amerikaner. Die Skepsis am Erfolg der Wirtschaftspolitik von Präsident Reagan hat am Glanz des Dollar gezehrt. Sein rascher Kursverfall macht die ausländischen Besitzer amerikanischer Dollar-Bonds nervös. Ein Teil stieg in Mark-Papiere um, obwohl sie ihnen rund fünf Prozent weniger Zinsen bieten als die Dollar-Bonds. Aber was macht eine solche Differenz aus, wenn der Dollar gegenüber der Mark innerhalb kurzer Zeit zehn Prozent verliert?

Ausländer sollen es im wesentlichen gewesen sein, die für eine rasche Plazierung der zunächst nicht absetzbaren 10 3/4prozentigen Bundesanleihe (Ausgabekurs 99 1/4 Prozent) gesorgt haben. Inzwischen ist sie auf rund 102 Prozent gestiegen. Ohne Ausländer geht es also auch auf dem deutschen Rentenmarkt nicht. Der Verband öffentlicher Banken hat ausgerechnet, daß bis zum Jahresende noch Kapitalimporte von 10 bis 15 Milliarden notwendig sind, um die Lücke zwischen Finanzierungsbedarf und Kapitalangebot zu schließen.

Von den Banken wird berichtet, daß ihre Kundschaft beginnt, Terminkonten aufzulösen und in Rentenwerte umzudisponieren. Sie war es allerdings nicht, die am Wochenbeginn für eine der denkwürdigsten Börsensitzungen gesorgt hat. Infolge der sich überstürzenden Nachfrage mußte der Handel mit festverzinslichen Papieren um eine halbe Stunde verlängert werden. Die Kurstafeln waren mit Plusankündigungen übersäht, die anzeigten, daß die Kurse um mehr als einen Prozentpunkt steigen würden.

Ausgetobt hat sich am Montag der Berufshandel und dadurch Kursübertreibungen ausgelöst, die schon am nächsten Tag korrigiert werden mußten. Für eine nachhaltige Hausse am Rentenmarkt ist die Zeit noch nicht reif. In den öffentlichen Haushalten liegen noch zu viele Finanzierungsrisiken. Das gilt besonders für den Etat des Bundes. Wenn er hin und wieder als Grund für die festere Mark angeführt wird, ist das politisches Wunschdenken. Mehr Eindruck auf den internationalen Finanzmärkten hinterließ das sich verringernde Leistungsbilanzdefizit. Der noch umstrittene und längst nicht verabschiedete Bundeshaushalt, so wird vermutet, hält die Bundesbank vorerst davon ab, auch nach außen deutlich zu zeigen, daß sie auf der Zinstreppe einen Schritt nach unten machen möchte.

Enttäuscht hat in diesem Zusammenhang die Reaktion auf den Aktienmärkten, Hier wurden die Kurse deutlich zurückgenommen. Die Aussicht auf langsam sinkende Zinsen zündete nicht. Möglicherweise deshalb nicht, weil der eine oder andere „bewegliche“ Kapitalanleger Aktien abgestoßen hat, um ein Rentenengagement einzugehen, das er zumindest bis zum Jahresschluß für attraktiver hält.

Nicht einmal die zinsempfindlichen Aktien der Banken vermochten Nutzen aus der zeitweise festen Rententendenz zu ziehen. Immerhin hat sie in einigen-Bereichen zu einer Renditesenkung bis zu einem Prozent geführt! In den Vorstandsbüros der Kreditinstitute wird aufgeatmet. In wenigen Tagen sind Hunderte von Millionen an Abschreibungen auf die Rentenbestände „eingespart“ worden. Um alle Abschreibungssorgen zu beseitigen, müßte der Zins allerdings bis unter zehn Prozent zurückgehen. Und das wäre wohl bis zum Jahresende ein zu weiter Weg.