Theatralisch

„Mephisto“ von István Szabó. Ein Film nach dem „Roman einer Karriere“ von Klaus Mann, der darin bösartig, einseitig, voller Haß- und Rachegefühle einen Typus entworfen hat, kein psychologisches Porträt Diese, einer damals noch lebenden Person nicht gerecht werdende, radikale Erzählhaltung macht den Roman spannend. Ariane Mnouchkine ging es in ihrer Mephisto-Version um die Karrierestationen eines Opportunisten: nicht so sehr dem aufsteigenden Künstler als vielmehr der untergehenden Demokratie galt ihr Interesse. Dieser zugespitzte Blick auf die deutsche Geschichte machte die Aufführung des „Théâtre du soleil“ aufregend. Im Kino will man dagegen jetzt „diesen Charakter, den Klaus Mann einfarbig gemalt hat, ... vielfarbig darstellen, so daß sich der Zuschauer zuweilen mit ihm identifizieren kann“. Totalitätspsychologie im Kino: ein Theaterschauspieler (Klaus Maria Brandauer) versucht, die Bühnentheatralik in den Film zu retten: das sind, aus der Nähe des Kinosessels gesehen, meist nur noch artifizielle, überspielte Ausdrücke und Bewegungen; die Kamera versucht, sich dem (Theater-)Gegenstand auf besondere Weise zu nähern und behauptet dabei nur noch einen Theaterblick: von der Loge, vom Rang aus gibt sie Überblicke; der Regisseur versucht, der Theaterszenerie der entfernten Gesichter Filmisches gegenüberzustellen, es gelingt ihm aber nur Fernsehhaftes: lauter redende Köpfe. Die psychologische Studie gerät zum langweiligen Schau-Spiel. Und so wird auch der Satz „Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler“ – im Roman einzig zur Mutter gesprochen – im Film zum bedeutungsschweren Finale: in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht, wirft die Gestalt des einzelnen im Anblick der Macht lange Schatten; der kleine Mensch verzweifelt im großen Olympiastadion, dem Prachtbau der Nazis, der die Zeit überstehen wird wie der anpassungsfähige, grandiose Schauspieler. Aber im Olympiastadion (von 1936) hatte das Theater (1977) mit Sätzen aus einem Roman (von 1797) das Problem, dem dieser Film nicht gerecht wird, schon kommentiert: „Es ist besser, zur Biene zu werden und sein Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren der Welt und, wie mit Wölfen, zu heulen mit ihnen.“

Manuela Reichart

Annehmbar

„Kalt wie Eis“ von Carl Schenkel ist ein New-Wave-Thriller, der die (Berliner) „Scene“ als Hintergrund für konventionelle Genre-Muster benutzt: Aus Liebeskummer bricht der 18jährige Dave aus dem Gefängnis aus, sieht sich aber von seiner Freundin verlassen und von seiner ehemaligen Gang verfolgt. Schließlich verstrickt er sich so tief im gewalttätigen Großstadt-Gangster-Dschungel, daß ihm konsequenterweise nur noch ein Kamikaze-Showdown als einziger Ausweg erscheint. Eine illustre Besetzung (Dave Balko, Ex-Sänger der Berliner Band „Tempo“, Playmate Brigitte Wöllner, Bar-Besitzer Rolf Eden, Otto Sander als Chef von drei Rasiermesser-Rockern), ein böser New-Wave-Soundtrack und das Drehbuch des 33jährigen Regie-Debütanten wären Garantie genug gewesen für einen jener „schmutzigen, kleinen Filme“, von denen seit einiger Zeit hierzulande so viel geredet wird, die aber bisher noch niemand gedreht hat. „Fuck Art – Let’s Dance“ steht einmal groß an einer weißen Wand, und zumindest der erste Teil des Spruchs war wohl auch die Devise des aus der Schweiz stammenden Wahlmüncheners Schenkel, der als Regie-Assistent bei Wolfgang Staudte begann. Daß ausgerechnet die als Sex- und Seichtfilm-Hersteller abgestempelten Produzenten Carl Spiehs („Die schönen Wilden von Ibiza“) und Wolf C. Hartwig („Schulmädchen-Reports“) vor allem im Hinblick auf Förderungsgelder zusätzliche, erklärend-moralisierende Dialoge und Szenen verlangten, gehört zu den makaberironischen Ereignissen, die nur das bundesrepublikanische Gremien-Kino zeitigen kann. So wird jetzt mit Worten breitgewalzt oder abgeschwächt, was von der Kamera Horst Knechteis und der Regie Carl Schenkels schon längst klargemacht war. Geblieben sind drastische Gewaltszenen, die in ihren besten Momenten etwas von der Hilf- und Hoffnungslosigkeit Jugendlicher vermitteln, von der Kritik aber, so steht zu erwarten, wieder mit dem Etikett „spekulativ“ versehen werden.

Rolf Thissen

Empfehlenswerte Filme

„Die Taxifahrerin“ von Jacques Bral. „Die Klapperschlange“ von John Carpenter. „Lola“ von Rainer Werner Fassbinder. „Desperado City“ von Vadim Glowna. „Das Kabinett des Schreckens“ von Tobe Hooper. „Out of the Blue“ von Dennis Hopper. „The Blue Gardenia“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“ von Fritz Lang. „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ von Bob Rafelson. „Der lange Tod des Stuntman Cameron“ von Richard Rush. „Wie ein wilder Stier von Martin Scorsese. „Der Dirigent“ von Andrzej Wajda. „Gorleben: Der Traum von einer Sache“ von Roswitha Ziegler, Niels-Christian Bolbrinker und Bernd Westphal.